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Wahrscheinlicher Selbstmord des Ex-Intendanten Udo Reiter – Dafür habe ich Verständnis

Posted on October 12 2014

Laut virtueller und gedruckter Presse hat sich der ehemalige Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) Udo Reiter auf der Terrasse seines Hauses erschossen. Schon in öffentlichen Auftritten zuvor hat er immer wieder darauf hingewiesen, dass er nicht als Pflegefall und fremdbestimmt in irgendwelchen Heimen sein Lebensende ertragen will.

Ich kann Udo Reiter nur postum meinen Respekt zu seinem Entschluss der Selbsttötung zollen.

Als Intendant des MDR war er dazu verdonnert, sowohl sein Programm und die anfallenden Themen zu beobachten, als auch den „Blick über den Tellerrand“ immer wieder zu absolvieren. Als querschnittsgelähmter Mann seit Jahrzehnten eingeschränkt, stand der Blick auf die Heimsituation heute sicher auf seiner Agenda. Durch Rundfunk und Presse bekam er den Eindruck: Die Alten- oder Behindertenheime verkommen mehr und mehr zu Endlagern für gesellschaftlich unerwünschte Männer und Frauen. Er hat beobachtete, dass nach einer Sympathiewelle für behinderte Menschen in den 70er und 80er Jahren die Planungen rund um das „Jahr der Behinderten“ zu ihrer Integration in die Gesellschaft großteils nicht umgesetzt wurden.

Sichtbar wurde dies beispielsweise in einer diakonischen Einrichtung im Ruhrgebiet. Hat es in den 70er Jahren eine Abteilung „Freizeitarbeit“ in Kooperation mit der Abteilung „Öffentlichkeitsarbeit“ gegeben, wurde Anfang der 80er Jahre die Freizeitarbeit aus Kostengründen erst reduziert und kam hernach fast zum Erliegen. Dabei wurde auch das Konzept des Miteinanders Behinderter und Nichtbehinderter eingestampft. Plötzlich erlahmten die Kontakte zu Häusern der Offenen Tür in Hagen und in Wuppertal, waren gemeinsame Freizeiten nicht mehr möglich. Auch die vielfältigen Beziehungen zu den Hallenwarten, beispielsweise der Westfalen-, Ruhrland- und Grugahalle in Essen, Bochum und Dortmund wurden nicht weiter gepflegt. Vorbei war es mit kostenlosen Eintrittskarten zu großen Musik- und Showveranstaltungen. Noch vor wenigen Jahren wurde der Freizeitmanager von einem behinderten Mann angesprochen, den es schmerzte, nicht mehr zu den Bundesliga-Fußballspielen in der Umgebung fahren zu können. Für ihn und seine Fußballfreunde waren selbstverständlich dank geschickter Organisation die Eintrittskarten kostenlos.

Hatten die behinderten Bewohner zunächst pro Haus eine Küche, in der sie auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten beköstigt wurden, geschieht heute die Versorgung zentral mit allen Nachteilen eines Kantinen-Essens, das schon drei Stunden vor dem Verzehr fertig angerichtet wird. Die Umsetzung der Speisekarte ist nach meiner Meinung ein Anschlag auf die Menschlichkeit und dokumentiert die Einstellung zu den Bewohnern. Hauptsache, der Rubel rollt. Hauptsache, wir können expandieren, immer mehr Krankenhäuser und Heime bauen und damit unseren Ruhm und den der Evangelischen Kirche mehren. Dabei scheut man sich nicht, weiterhin solche Einrichtungen fernab regen Treibens zu bauen oder zu übernehmen, die eine Inklusion, wie sie landauf und landab schwadroniert wird, verhindert.

Udo Reiter wird sich mit der Verlogenheit der Kirchen auseinandergesetzt und immer wieder gefragt haben, wie sie es mit der Ethik und ihrer Religion vereinbaren können, solche Heime zu betreiben. Er wird sich gefragt haben, warum die Kirchen zu feige sind, den Kostenträgern zu sagen, wir betreiben keine Leichenhalle für abgeschobene Alte und Gebrechliche. Entweder ihr zahlt für menschenwürdige Lebensweisen, oder wir verweigern uns.

Er wird den Pflegekritiker Claus Fussek gehört haben, der zahlreiche Verbrechen in Alten- und Pflegeheimen dokumentiert hat.

Und so wird Udo Reiter Angst vor seinem Lebensalter mit den zunehmenden Gebrechen und daraus resultierenden Folgen bekommen haben. Reiter konnte – sollten die Selbstmordgerüchte stimmen – sich aus eigener Kraft erschießen. Das hatte er vielen anderen sterbewilligen Menschen voraus.

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