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Dierk Schaefers Blog: auch ein abschied

Posted on November 24 2014

A Capella

Wir waren sofort aufgebrochen. Sechs Stunden mit dem Auto. Aus der Tiefgarage brachte uns einer der beiden Aufzüge ins 3. OG.

Schon an der Wohnungstür fiel mein Blick auf das Bett. Dort lag sie, die Hände gefaltet, die Augen geschlossen. Die Pflegerin hatte sie gewaschen und angezogen. Bei Tisch erzählte meine Mutter vom Ende der seit zwei Jahren zunehmenden Demenz.

Der Bestatter klingelte – und nahm mich gleich beiseite. Sie hätten ein Problem, der Sarg passe nicht in den Aufzug. Nein, die Länge sei es nicht, dafür habe er die Innentür aufschließen lassen. Zu breit sei er, und zu schwer. Er glaube nicht, daß seine Leute ihn unbeschädigt durch das Treppenhaus kriegen. Bis zum 3. OG seien das fünf Etagen. Wenn ich einverstanden wäre … sie hätten für solche Fälle eine Trage, und dann könne man vielleicht im Vorraum zur Tiefgarage einsargen.

Eine Behelfstrage: Zwei lange Stöcke hielten das Segeltuch. Ich faßte mit an, und wir quetschten uns hautnah mit der toten Oma in den Aufzug: 2. OG, 1.OG, EG, BAS, P 1; die Tür ging auf. Die Bestattungsleute standen mit dem Sarg im Vorraum und legten meine Oma hinein.

Der zweite Aufzug kam an, die Tür öffnete sich geräuschvoll, Leute wollten raus, sahen, was los war und drängten zurück. Wir deckten meine Oma zu. Eine weiße Spitzendecke verhüllte ihren mit den Jahren klein gewordenen Körper.

Die Tür ging wieder auf. Jetzt hörte ich es: Aus dem Aufzug quoll eine Musikkapelle mit ihren Instrumenten – und wich wieder zurück. Eine Tuba blitzte im Licht des Aufzugs. Die Tür ging wieder zu. Es klirrte und schepperte.

Wir verteilten Blumen im Sarg.

Die Tür ging wieder auf. Immer noch die Kapelle. Tür wieder zu. Der Aufzug hatte sich die ganze Zeit nicht bewegt. Nur die Tür, auf und zu, auf und zu; pulsierendes Leben, vom Tode blockiert. Manchmal schaute ein Kopf heraus, ob der Weg frei. Wenn der Kopf verschwand, rasselten die Instrumente aneinander, übertönt von der Tür. Auf und zu.

Fertig! Ein Trumm von einem Sarg – und da drin meine kleine Oma. Raus aus dem Vorraum. Sie schoben den Sarg in den Leichenwagen. Klappe zu. Der Chef verabschiedete sich.

Wir sahen dem Ami-Schlitten nach, wie er durch die Tiefgarage zur Ausfahrtschranke fuhr. Die pompöse Zierbeleuchtung an den Autoscheiben gewann die Konkurrenz mit dem fahlen Licht der Neonröhren in der Tiefgarage.

Hinter uns stahlen sich mit leisem Geklirr die Musiker vorbei.

Ich aber sah dieser schaurig-schön-kitschigen Kutsche nach, wie sie in Festbeleuchtung die Rampe hoch fuhr in die nachmittägliche Rush-hour der Großstadt.

In mir zerriß etwas; schmerzhaft; ein Gefühl, wie ich es noch nie erlebt hatte. Mein Gesicht wohl wie der „Schrei“ von Munch, und ebenso lautlos.

Dierk Schäfer

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