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Woche der Toleranz – Woche der Verlogenheit

Posted on November 21 2014

In dieser Woche lehrt uns der öffentlich-rechtliche Sender ARD (Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland), was Toleranz ist. Wir sollen tolerant sein gegenüber Ausländern, anders Gläubigen, Asylanten, körperlich oder geistig behinderten Menschen. Insbesondere die behinderten Kinder scheinen es der ARD angetan zu haben. Niedliche kleine behinderte Wesen werden vorgeführt. „Downies sind doch so süß“.

Aber wie steht es um die Toleranz der Öffentlich-Rechtlichen selbst? Haben Sie mal darauf geachtet? In den großen Fernsehshows scheinen behinderte Menschen keine Rolle zu spielen. Weder als Zuschauer noch als Akteure treten sie in Erscheinung. Ja, doch, gelegentlich pressiert dem Kameramann ein Fehler, ein Schwenk zu weit nach rechts oder links, dort hin, wo man die Rollstuhlfahrer gern abstellt. Hauptsache raus aus dem Bild.

Vor langen Jahrzehnten habe ich Freizeitgestaltung für behinderte Jugendliche und Erwachsene in einer großen Behinderteneinrichtung gemacht. Wir haben im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit dagegen protestiert, dass behinderte Menschen von Großveranstaltungen ausgeschlossen waren, sie nur in den hinteren Reihen oder an den Rändern der Säle stehen mussten. Fortan lud man uns ein zu den Generalproben mit Aufzeichnung. Wir saßen dort, wo einen Tag später die Prominenz vorbei defiliert: Bürgermeister, Landesväter und -mütter, hohe Politiker, der Hallendirektor und seine Frau. So sahen wir die Stars ganz dicht an uns vorbeischreiten: Udo Jürgens, Peter Alexander, Peter Frankenfeld und alle, die zu dieser Zeit die Fernsehlandschaft bestimmten. Auch ein Jürgen Marcus trällerte s“ein Lied zieht hinaus in die Welt“ http://www.youtube.com/watch?v=gbvA7mx_Nt0. Was war ich erschrocken: Dieser schmächtige Jüngling sang mit ebenso schmächtiger, leiser, fast bröckelnder Stimme diesen Schlager. Ich hörte ihn genau, aber dann auch den Klang aus dem Playback: wuchtig, laut, klar und glockensauber. Ein Tontechniker des WDR lüftete irgendwann in dieser Zeit das Geheimnis: „Sie brauchen nur den Kammerton A (http://www.kammerton.de/index1.html) an unserer Forte abzugeben und wir machen ihnen jedes Lied daraus.“

Zurück zur Toleranz der Öffentlich-Rechtlichen. Gibt es keine behinderten Menschen, die kochen und mit ihrem Rührlöffel ebenso in der „Küchenschlacht“ oder bei „den Topfgeldjägern“ oder in irgendeiner anderen Show ihr Erlerntes demonstrieren können? Sind so wenig behinderte Akademiker zu finden, die mit ihrem Wissen in „Frage-Antwort-Spielen“ und Rätselshows auftreten und mit ihrem Wissen möglicherweise ihre Mitstreiter locker an die Wand nageln könnten? Müsste nicht der behinderte Mensch im Fernsehen und in den Medien täglich irgendwo eine Rolle spielen, Präsenz zeigen? Und nicht nur reduziert bei der Sendung „Aktion Mensch“?

Wo finden wir Toleranz gegenüber behinderten Bürgern seitens unserer Politiker? 1981 war das „Jahr der Behinderten“. Ich war in der Westfalenhalle dabei, als den Bundespräsidenten Karl Carstens der Schlag traf. Franz Christoph war dieser „Schläger“. Er knallte Carstens nämlich seinen Krückstock gegen sein Schienbein, um damit gerade gegen dieses Jahr und gegen die bisherigen Inaktivitäten der Politiker in Sachen Behindertenhilfen zu demonstrieren. Leibwächter warfen sich über ihn. Nein, nicht über Carstens, sondern über Franz Christoph, um weitere Attentatsversuche zu verhindern. Carstens war klug genug, ihn, diesen vermeintlichen Attentäter, nicht strafrechtlich zu belangen. Dann nämlich wäre ans Licht gezerrt worden, wie wenig Bund und Länder bisher für behinderte Menschen getan haben. Franz Christoph fand trotzdem seine Bühne: Lesenswert noch heute sein kaum noch erhältliches Buch „Krüppelschläge“ http://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Christoph+Kr%FCppelschl%E4ge-Gegen-die-Gewalt-der-Menschlichkeit/id/A01A0m1901ZZQ

Denn, was hat sich bisher geändert? Die Bundesbahn entwickelte den zuggerechten Rollstuhl. Ein Gefährt, in das ein rollstuhlfahrender Mensch umgehievt werden soll, um dann mehr getragen als geschoben durch die enge Waggontür auf einen Sitz verfrachtet zu werden. Während der Fahrt würde sein „Rolli“ im Gepäckwagen verschwindend mitbefördert. Die Rechnung ging nicht auf, denn viele behinderte Menschen und auch der Journalist Ernst Klee, der zum Sprachrohr Behinderter wurde, stellten öffentlich die Frage: „Wie krank müssen manche Hirne sein, wenn sie sich solch einen Schwachsinn ausdenken?“.

Wer von den uns Regierenden hat bisher lautstark gefordert, dass alle neu in Betrieb genommene Waggons eine bestimmte Anzahl von Rollstuhlplätzen in den Abteilen aufzuweisen haben? Nicht etwa abgesondert irgendwo zwischen den Abteilungen oder auf den Kupplungen von Waggon zu Waggon, sondern mit Reihen in den Abteilen integriert, damit sich behinderte und nichtbehinderte Menschen in die Augen schauen können.

Wer hat jemals öffentlich wiederholt gefordert, dass alle neuen Busse über behindertengerechte Einstiege verfügen? 33 Jahre nach dem „Jahr der Behinderten“ wären inzwischen alle Reise- und Linienbusse längst behindertengerecht. Aber selbst die Stadt Wetter - mit über 1.100 behinderten Menschen, einigen Hunderten Alten und Gebrechlichen, Müttern mit Kindern im Kinderwagen - ist bis heute nicht dazu in der Lage, dafür zu sorgen, dass beim Neuausklüngeln von Verträgen mit Linienbusunternehmen streng darauf geachtet wird, dass nur noch behindertengerechte und damit für weite Teile der Bevölkerung eingerichtete Busse eingesetzt werden. So kommt es dem Spiel „Schnick-Schnack-Schnuck“ nahe, wenn der Rollifahrer an der Bushaltestelle steht und sich fragt: Kommt er jetzt oder immer noch nicht? Eine Bürgerinitiative hier in Wetter betreibt einen „Bürgerbus“. Ist der rollstuhlgerecht? Nein! Hätte er aber ohne weiteres sein können, wenn diese Bürgerinitiative der „Aktion Mensch“ auf den Füßen gestanden hätte mit der Forderung: Tut mal was für die 1.100 behinderten Menschen in Wetter und Vororten. Mit Sicherheit hätten sie Gelder aus diesem Topf für entsprechende Umbauten oder Neuanschaffungen erhalten.

Wie sieht es aus mit öffentlichen Gebäuden? Es existieren immer noch Rathäuser, an denen behinderte Menschen, auf den Hinterhöfen, quasi auf der Straße, abgefertigt werden. Sie dürfen bimmeln, wobei der Klingelknopf viel zu hoch ist, und dann kommt jemand raus und fragt nach den Wünschen. Dann bringt er oder sie die Formulare mit auf die Straße, zum Ausfüllen. Der Bescheid erfolgt per Post.

Es gibt immer noch Veranstaltungssäle, die entweder selbst für rollstuhlfahrende Menschen nicht zugänglich sind, oder die nicht genutzt werden können, weil keine oder vollgestellte Behindertenparkplätze zu finden sind und die Stadtverwaltungen nicht darauf achten, dass diese von Falschparkern befreit werden.

Warum hat der Gesetzgeber vor 33 Jahren nicht entschieden: Alle neu gebauten Lokale haben über behindertengerechte Eingänge und Sanitäranlagen zu verfügen? Wie viele Kirchen gibt es noch, die keine Rampen vor ihren Stufen haben, und darum die Rollifahrer aus dem Kreis der „Mühseligen und Beladenen“ ohne Hilfe ausgeschlossen sind? Und die doch laut Bibel gerade dort ihre Heimat finden müssten. Heißt es nicht: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid“? http://bibeltext.com/l12/matthew/11.htm

Wie sieht es mit der Toleranz von Großveranstaltern aus? Wer heute ein Konzert besuchen will und im Rolli sitzt, sollte sich nach dem Willen der Agenturen tunlichst anmelden. Aber es ist besser, dies zu lassen, weil für ihn in solchen Fällen keine Eintrittskarten mehr vorhanden sein könnten. Wer sich anmeldet, wird, wenn Platz vorhanden ist, auf die Behindertenbühne gewuchtet. Eigentlich ein schöner Platz, denn da sieht der behinderte Mensch über die Köpfe vor ihm hinweg seinen Star auf der Bühne. Die Begleitung dieser Rollifahrer darf stehen oder beim Rollifahrer auf den Knien sitzen. Stühle gibt es für ihn nämlich nicht. Und immer weniger wird darauf geachtet, dass sich zwischen rollstuhlfahrenden Menschen und der Absperrung nichtbehinderte Menschen schieben, die gar nicht zu diesen Begleitpersonen zählen - und schon ist die Sicht wieder versperrt.

Viele private Veranstalter lassen die Begleitperson nicht mehr - wie es Jahrzehnte Sitte und Anstand war - kostenlos mit den Eingang passieren. Sie sahnen auch bei denen ab, die eigentlich nur helfen wollen. Und wir Behinderte haben nicht den Mut, an der Kasse zu brüllen: „Wer von Euch hilft mir denn beim Pinkeln, wenn es soweit ist?“ Vielleicht würde dann endlich der Verstand in Gang gesetzt.

Die Öffentlich-Rechtlichen sollten nicht uns belehren. In kleinem Rahmen funktioniert Toleranz längst. Und wo viel Intoleranz ist, ist manchmal auch viel Blödheit unter den Intoleranten zu finden. Viel mehr sollte die ARD den Politikern und Veranstaltern den Spiegel vorhalten und sie fragen: „Wie sieht eure Toleranz aus?“

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