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Zwangseinweisung in die Psychiatrie - Eine Dokumentation und ihre Folgen

Posted on November 2 2014

Auch ich habe die Dokumentation „Hölle Kinderpsychiatrie- Gewalt und Missbrauch hinter Anstaltsmauern“ gesehen. Der Anlass war profan: Ein behinderter Mann rief mich an und berichtete: Gerade in diesem Haus wäre er eine Zeit lang als Laufbursche angestellt gewesen und habe von daher auch den einen oder anderen Kontakt zu psychisch erkrankten Menschen gehabt. Ihn hätte das alles sehr mitgenommen.

Das Schicksal meinte es böse mit ihm (er ist Bewohner der damaligen Orthopädischen Anstalten Volmarstein, heute Evangelische Stiftung): Anfang der achtziger Jahre wurde er in eine psychiatrischen Anstalt eingewiesen. Ein unfähiger Psychologe - die erste Null unter den Psychologen, die meinen Weg gekreuzt haben - hatte diese Einweisung veranlasst. Er konstruierte eine glatte Lüge und behauptete, dieser behinderte Mann sei aggressiv und nicht mehr zurechnungsfähig; er ginge mit Gewalt auf andere Menschen zu. Was war der Grund dieser Trickserei? Der behinderte Mann sollte in der Werkstatt für Behinderte arbeiten - stumpfsinnige Arbeiten an Elektroteilen. Sein Gehalt, das ihm unterm Strich übrig blieb: fünfzig Pfennig die Stunde. Soweit wollte er sich nicht erniedrigen lassen und darum verweigerte er diese Arbeit. Jeder Mensch hätte unter diesen Umständen ebenso gehandelt. Der Psychologe redete immer wieder auf ihn ein, ohne Erfolg. So setzte er auf Schocktherapie und lies ihn in Zwangsjacke im Krankenwagen abführen.

Mich erreichte ein Hilferuf aus dieser psychiatrischen Anstalt und ein Anruf aus der Evangelischen Stiftung Volmarstein: der Mann sässe sitzt in der Psychiatrie. Sofort versuchten wir, den Volmarsteiner Anstaltsleiter ausfindig zu machen, der sich gerade im Urlaub befand. Über seine Familie bekamen wir seine Telefonnummer und gaben ihm zu verstehen, dass er dafür zu sorgen habe, dass sein Schützling sofort aus der Psychiatrie entlassen würde, weil dieser Skandal sonst eine Pressekonferenz und damit Öffentlichkeit nach sich ziehen würde. Der Anstaltsbewohner war wenige Tage später wieder frei. Allerdings hinterliesen diese Tage Spuren. Fortan befürchtete er, sofort wieder in die Psychiatrie eingewiesen zu werden, wenn er auch nur ein Wort der Kritik äußern würde. Ich sprach mit ihm und konnte ihm die private Telefonnummer einer hochrangigen Politikerin geben, die über diesen Fall informiert wurde und ihr Einverständnis zur Weitergabe gab. Sollte er noch einmal eingeliefert werden, würde sie für ihn intervenieren. Damit fühlte er sich wieder sicher. Dieser besagte Dokumentarfilm hat ihn allerdings wieder sehr an seine Haft erinnert, so dass er nach der inzwischen verlegten Telefonnummer fragte.

Die Orthopädischen Anstalten Volmarstein waren auch in den sechziger Jahren nicht zimperlich, wenn es um Zwangseinweisungen ging. Ein Schulkind stürzte sich aus Angst vor den gewalttätigen Schwestern aus dem Fenster. Er überlebte den Sturz aus der dritten Etage und erwachte in der Psychiatrie. Dort hätten die Schwestern berechtigt Aufnahme finden müssen.

Zum Film selbst und etwaigen Konsequenzen daraus hat Dirk Schäfer, pensionierter Pfarrer, knapp, aber treffend Stellung genommen.:

http://dierkschaefer.wordpress.com/2014/10/26/und-nun-ein-film-holle-kinderpsychiatrie-gewalt-und-missbrauch-hinter-anstaltsmauern/

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