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Gewalt in den Heimen: Die vergessenen Kleinkinder

Posted on January 2 2015

Gewalt in den Heimen: Die vergessenen Kleinkinder

Der Bullemann

War er 3, 4 oder doch schon 5 Jahre alt; das weiß er nicht mehr. Aber die Angst, die er hatte, daran kann er sich noch erinnern, sie verfolgt ihn noch heute, manchmal nachts, wenn es ganz still ist. Die Angst vor dem Bullemann. Häufig, wenn er frech war, wenn also Schwester Anna ihm sagte, „Du warst frech, gleich kommt der Bullemann“, dann verspürte er jähes Entsetzen. Er wusste was jetzt, wie immer in solchen Fällen, geschieht: Schwester Anna schob ihn in seinem kleinen Bettchen in den Flur vor ihrer Zimmertür. Der Flur war stockduster, der Kleine konnte die Hand vor Augen nicht sehen; aber er hörte es klappern. Anna stellte ihn nämlich direkt neben den Essensaufzug und dann sagte sie zu ihm: „Gleich kommt der Bullemann“ und sie verschwand.

Da lag der Kleine im Bett, voller Angst, zitternd am ganzen Körper und er lauschte. Er hörte, wie der Essensaufzug - einige Bretter in Form eines kleinen Regals, ca. 1 mal 1 Meter breit und lang - in einem Schacht, an Seilen hängend von einer Etage zu anderen gezogen wurde. Der Kleine fragte sich: „Wann kommt der Bullemann hier oben hoch?“. Und öfter kam tatsächlich der Bullemann. Der Aufzug hielt neben seinem Bett an, die Schiebetür ging auf und heraus kam irgend etwas, was der kleine Junge nicht erkannte. Das Etwas sprach auch nichts, das Etwas schimpfte nicht, das Unsichtbare rührte ihn nur an: im Gesicht, an den Füßen, am ganzen Körper. Es schüttelte ihn manchmal auch durch und dann verschwand es durch irgendeine Tür.

Diese Angst vor dem Bullemann, sie verfolgt ihn auch heute noch nachts. Vor Jahren erzählte er mir von dieser Angst, und jetzt verstehe ich etwas mehr, warum er heute und eigentlich in seinem gesamten Leben so ist, wie er ist. Ungebildete würden ihn voreilig als asozial bezeichnen. Seine Freunde hat er längst weggemobbt, auch wenn viele sehr geduldig mit ihm waren. Er ist besserwissend, er schimpft auf alle, die ihm widersprechen, er gestaltet seinen Tag, so wie er es will. Ihm ist seine Umwelt egal, er raucht viel, er trinkt viel, er schimpft viel, er wird gemieden.

Anderen, mit ähnlichen Erlebnissen, erging es anders: Vielen hat diese Angst körperliche Gebrechen eingebracht. Wie dem behinderten querschnittsgelähmten Mann, der in die Schule kam, ins Johanna-Helenen-Heim, um dort unterrichtet zu werden. Er war allerdings noch nicht alt genug für diesen Unterricht und kam zuvor auf die Kleinkinderstation zu Schwester Anna. Auch er lag oft neben diesem Aufzug, wenn er nach Ansicht der Anna oder einer unausgebildeten Hilfskraft, der Emmi, nicht brav war. So zum Beispiel, wenn er in der Mittagspause mit den anderen Kindern nicht um den großen Tisch herum sitzen wollte, mit den Händen auf dem Tisch und wenn er laut war, obwohl Anna befahl, ganz leise zu sein. Dieses querschnittsgelähmte Kleinkind hat durch die Konfrontation mit dem Bullemann ein anderes Leiden dazubekommen. Er ist inzwischen verstorben und ein Pfarrer hat in seiner Predigt zur Beerdigung diese zusätzliche Behinderung folgendermaßen umschrieben: „Es steht ja so deutlich gegen alle Widerfahrnisse des Lebens, die einen aufgeben lassen können an Gott und der Welt verzweifeln lassen können. Erlebt hat [er] genug davon. In jungen Jahren, kaum hier in der Anstalt angekommen, hat es ihm die Sprache verschlagen. Aber es blieb jenes ‚Dennoch’. Gott gibt mich nicht auf ....“ Es war dieser gefürchtete Bullemann, der ihm die Sprache verschlug, der ihm eine schwere Sprachbehinderung bescherte, die ihn sein gesamtes Leben begleitete, sein ganzes Leben behinderte, viel mehr als seine Querschnittslähmung. Und trotzdem hat er sich irgendwie durch das Leben gehangelt.

Eine Entschädigung für dieses Leid, als Folge von Verbrechen überforderter und selbst ausgebeuteter Mitarbeiterinnen, hat er nie bekommen. Ebenso, wie tausende andere Kleinkinder, die vor dem Einschulungsalter in vielen Heimen unendliche Qualen erlitten haben, bis heute dafür nicht entschädigt wurden. Sie haben keine Lobby, nur sehr wenige Menschen, die sich für sie engagieren. Aber ihre Proteste kommen bei den Verantwortlichen der Kirchen, der Länder, der Kostenträger und bei unserer Regierung nicht an. Sie werden auf der Strecke bleiben, obwohl auch sie Opfer der Heimerziehung sind.

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