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Rezension des Buches "Vom Frauenasyl zur Arbeit für Menschen mit geistiger Behinderung 130 Jahre Diakonie Himmelsthür (1884-2014)"

Posted on January 22 2015

Rezension des Buches "Vom Frauenasyl zur Arbeit für Menschen mit geistiger Behinderung - 130 Jahre Diakonie Himmelsthür (1884-2014)" (Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl/Dr. Ulrike Winkler)
von Dierk Schäfer, Bad Boll

Wer aus- und eingeht durch die Tür
Der soll bedenken für und für
Dass unser Heiland Jesus Christ
Die rechte Tür zum Himmel ist. *

Nicht nur eine Remiszenz
Böse Buben kommen ins Stephansstift, böse Mädchen nach Himmelsthür. Wer verrückt ist, kommt nach Ilten, und wer schon mal in Wunstorf war, also in der Psychiatrie, wie die Frau in unserem Haus, Erdgeschoß, links, der war immer noch merkwürdig.
So das Bild, das wir Kinder von der Welt irgendwie devianter Personen hatten. „Der gehört nach Ilten“ zählte zu unserem aktiven Repertoire wie auch „Wenn du nicht artig bist, kommst du ins Stephansstift“ zur Drohpädagogik der Erwachsenen.
Dies ist mehr als eine persönliche Reminiszenz, zeigt sie doch, dass uns Kindern im Arbeiterviertel Hannover-Linden, wenn auch vage, so doch bewusst war, mit welchen Einrichtungen man besser nichts zu tun haben sollte.
So war ich natürlich neugierig auf eine Untersuchung von „Himmelsthür“. Hinzu kam mein Interesse am Schicksal ehemaliger Heimkinder seit meiner Tagung im Jahr 2000 in der Evangelischen Akademie Bad Boll über Kriegskinder, besonders seit der Einrichtung des Runden Tisches Heimkinder.

Nun zu Himmelsthür
Warum und für wen ist die Publikation interessant?
Hans-Walter Schmuhl und Ulrike Winkler sind bekannt für zahlreiche Fachpublikationen über diverse Einrichtungen der Heimerziehung, ihrer sozialgeschichtlichen Bedingungen und der tatsächlichen Abläufe in diesen Heimen. Mit Vom Frauenasyl zur Arbeit für Menschen mit geistiger Behinderung, 130 Jahre Diakonie Himmelsthür (1884-2014) haben sie jetzt eine Untersuchung vorgelegt, die von großem Interesse für alle sozial- wie theologiegeschichtlich Interessierten sein dürfte, weil sie trotz aller Besonderheiten am Beispiel der Einrichtung Himmelsthür exemplarisch den Weg aufzeigt, den „christliche Liebestätigkeit“ als Reaktion auf extreme soziale Notlagen in der Blütezeit der Industrialisierung nahm, bis hin zur Bedienung staatlicher an kostengünstiger Behandlung von Individuen und
Gruppen, die – warum auch immer – sich nicht anpassen wollten oder konnten an die „Normalität“ der bürgerlichen Bevölkerung, die von ihrer Erwerbstätigkeit und/oder ihrem Besitz lebte. Damit wird eine Dissonanz aufgezeigt, die bis heute aktuell ist, die Dissonanz zwischen der Erbringung sozialer Dienstleistungen aus idealistischen Motiven und ihrer Finanzierung durch öffentliche Kassen, die kostenbewusst verwaltet werden müssen. Aus diesem Grund ist die Publikation allen zu empfehlen, die in weitestem Sinn mit dem Sozialsektor zu tun haben. Dazu gehören unbedingt die Politiker und die Spitzen der kirchlichen Sozialkonzerne. Denn die sozialen Dienstleistungen sollen zwar kostengünstig erbracht werden, doch auch heute noch wird im Sozialsektor, egal ob mit oder ohne weltanschaulichem Hintergrund – oft bei denen gespart, die sich nicht wehren können – sie heißen heute Kunden.
Gesamte Rezension: http://www.gewalt-im-jhh.de/hp3/Bucherecke_-_Ausgewahlte_Buche/Rezension_Schafer_Himmelsthur.PDF

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