Overblog Follow this blog
Edit post Administration Create my blog

Erinnerungen an ein Foto - oder: Ein Platz an der Sonne

Posted on February 20 2015

Erinnerungen an ein Foto - oder: Ein Platz an der Sonne
Sie legte mir drei Fotos auf den Schreibtisch. Ich schaute sie an und stellte fest: dasselbe Motiv, dieselbe Einstellung, die Bilder sind identisch. Sie unterscheiden sich gering in den Grautönen. Und dann dämmerte es mir: „Das Foto habe ich ja geschossen!“ Die Überbringerin bestätigte meine Feststellung. Mir gingen viele Erinnerungen durch den Kopf.
In den 70er Jahren war ich Freizeitmanager in einer Einrichtung für behinderte Menschen. Zu meinen Aufgaben gehörte im Rahmen der Freizeitgestaltung das Organisieren von Teilnahmen an öffentlichen Veranstaltungen aller Art. Nur kosten durften diese Besuche möglichst nichts. So schrieb ich „Bettelbriefe“, in denen ich die Einrichtung vorstellte und die Notwendigkeit der Teilnhame am Leben in der Gesellschaft erläuterte. Ich kann mich nicht erinnern, auch nur eine Absage erhalten zu haben. (Am Rande erwähnt: 1974 ermöglichten wir 360 fussballbegeisterten Heimbewohnern und 300 Helfern aus umliegenden Jugendzentren, ebenfalls fussballbegeistert, den Besuch von Weltmeisterschaftsspielen in Dortmund, Essen und Düsseldorf.)
Freizeitarbeit und Öffentlichkeitsarbeit gingen fließend ineinander über. Es galt, Fotos und Berichte über diese Veranstaltungen der schreibenden Zunft zur Verfügung zu stellen. So entstand das Bild von Udo Jürgens in der Dortmunder Westfalenhalle. Der Konzertmanager Wolfgang Kaminski aus Herdecke (Ich nenne seinen Namen komplett, weil er damals ein sehr lieber Mensch war und bestimmt auch heute noch ist.) schenkte uns Eintrittskarten und so waren wir einem schon damals großen Star sehr nahe.
Wir erlebten ein Konzert besonderer Art, das mich veranlasste, schon wenige Wochen danach das Erlebte aufzuschreiben:
„Ein Platz an der Sonne
"Noch drei Minuten, dann geht der Vorhang auf...", dröhnte es durch die Lautsprecher der Halle und es war "mucksmäuschenstill" unter den Zuschauern. "Das Lampenfieber kriecht langsam in mir hoch." Auch wir waren ganz zappelig. Wochen hatte es gedauert, bis wir ihn sehen sollten. Gleich wird er vor den Vorhang treten. "Noch 2 Minuten..." sang er, für den wir relativ schnell Eintrittskarten bekommen hatten. Der Konzertmanager hatte uns postwendend 15 Stück zugesandt. Nicht einen Pfennig wollte er dafür haben. Andere standen vor der Halle und gingen leer aus. "Wo steht denn mein Klavier?", fragte die Stimme aus der Dunkelheit. Klavier? Wir sahen deutlich einen Konzertflügel vor uns, denn wir durften - 8 Rollstuhlfahrer und 7 Gehbehinderte bzw. Betreuer - dicht vor der Bühne sitzen, zu seiner Linken, quasi Loge. "Noch eine Minute, dann ist es soweit. ... Irgendjemand kommt noch und flüstert mir was zu. Ich hab' ihn nicht verstanden, denn draußen wartest Du". Was mir der Manager zuraunte, so kurz vor dem Auftritt meines Heros, konnte ich ehrlich nicht verstehen, denn ich wartete, auf "die ersten Takte, von meinem [seinem] Auftrittslied..."
Und urplötzlich war die Sau los! Ein Sprecher verriet in diesem Augenblick, wer dort hinter dem Vorhang steht. Und ein Orkan an Ovation brach aus. "Nun steh ich draußen. Ich bin im Rampenlicht." Auch wir wurden angestrahlt. "Allein mit vielen Menschen. Bin ich es oder nicht?" Jawohl, er war es: Udo Jürgens! "Ich glaub' ich fliege. Die Welt versinkt um mich." Wie konnte ich ihm nachempfinden, ihm, auf den ich wochenlang fiebriert hatte und der nun schräg vor mir stand. Wir beide im Scheinwerferlicht und vor uns Dunkelheit in der Menge. Ich mußte mich an den Rollstuhl klammern, um nicht zu versinken. Die Aufregung war fast unerträglich.
Und dann sang er persönlich. All' die Lieder, die ich fast auswendig kenne, die ich immer wieder hörte: "Was ist ein Lied? Ein Lied kann eine Träne sein." Frenetischer Beifall. Udo reihte einen Hit an den anderen. Dann erblickte er uns. Nein, er sah mich! Ich spürte seine Augen in meinen Augen. Er winkte. Udo Jürgens winkte mir zu.
"Gleich leg ich mich lang!", durchfuhr es mich. Mein Herz raste. Ich spürte den Pulsschlag im Kehlkopf. Halte ich diese nervliche Belastung durch? Jetzt kam Udo auf uns zu. Bis dicht an den Bühnenrand. Nun stand er vor mir: "In meinem Herzen flattert leise, ein kleiner bunter Schmetterling", sang er uns zu. Freundlich streckte er uns seine Hand entgegen, so als wolle er jeden Einzelnen von uns begrüßen. Und während seine Hand auf uns zeigte, hob er an zum Refrain: "Zeig mir den Platz an der Sonne, wo alle Menschen sich verstehn ... "
Ein eiskalter Schauer rann über meinen Rücken. Erst jetzt begriff ich: Er singt den Kollekten-Song der ARD. "Das darf doch nicht wahr sein!", rief ich. Und keiner hörte es. Tausende Augen waren auf uns gerichtet. - Und Udo blickte uns an. Der Samariter Udo sang für uns, extra für die Behinderten, ein Lied. Das Lied der Fernsehlotterie. Er servierte uns den Zuschauern - auf dem Silbertablett. Hatte er nicht soeben noch gesungen: "Was ist ein Lied? Ein Lied kann eine Träne sein." Und wenige Takte später: "Genügt Euch nicht der Spott, der lachend Blüten treibt?" War mir das peinlich!“
Comment on this post