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Angst vor dem Sterben hinterm Vorhang

Posted on May 19 2015

Davor hatte sie - ich nenne sie Erika - immer Angst. Schon seit ihrer Kindheit. Im Heim, in dem sie lange Jahre ihre Schulzeit verbrachte, befand sich die Frauenstation unter ihr. Und auch ihr kam zu Ohren: Die werden dann ins Badezimmer geschoben. Und wenn sie tot sind, trägt man sie in die Leichenhalle unter ihrer Schulklasse 3 und 4. Jahrzehnte später berichtete sie von einer Leiche, die auf den Kellerstufen zur Leichenhalle etwas von der Trage rutschte, so dass ein Arm sichtbar aus dem Tuch baumelte. Sie schrie vor Entsetzen und wurde darum von ihrer Lehrerin verprügelt. Zur Strafe musste sie anschließend weitere Stunden in der Ecke stehen. Da war sie etwa 10, 11 Jahre alt. Diese Angst vor dem Sterben, ohne einen Menschen an der Seite, plagte sie ihr Leben lang.
Und als sie an Krebs erkrankte, nahm diese Angst zu. Sie hatte den Tod und den Todesprozess an ihrer älteren Freundin beobachtet, die zuvor an den Folgen eines Lungenkrebses verstarb. Nur: die alte Dame hatte noch ein wenig Familie. Ob davon jemand am Sterbebett saß, wusste sie allerdings nicht. Erika hatte gar keine Familie. Und so spürte sie und sagte es einmal ganz drastisch: "Wenn ich abkratze, ist keiner dabei."
Nun, so schnell stirbt es sich nicht. Eine Opferinitiative, bestehend aus ehemaligen Heimkindern und Mitarbeitern, kannte Erikas Ängste und sorgte vor. Zunächst wurde ihr Behindertenassistenz vermittelt. Erst anderthalb Stunden, dann nach längerem Antragsverfahren weitere zwei Stunden. Diese konnte sie sich so einteilen, wie sie wollte. Und so wurden auch schon mal Tagesausflüge möglich. Die Arbeitsgruppe vermittelte ihr Assistentinnen, die nicht auf die Stoppuhr schauten, sondern auch mal die ein oder andere halbe oder gar ganze Stunde an ihre vereinbarten Tagesstunden anhingen. So erlebte Erika wohl zum ersten Mal echte Lebensqualität.
Aber irgendwann schlich "Freund Hein" (http://de.wikipedia.org/wiki/Freund_Hein) doch ums Haus. Ums Krankenhaus. Natürlich hatte Erika auch weiterhin Angst vor dem Sterben in Einsamkeit. Aber die verflog dann mehr und mehr. Jeden Tag bekam sie mehrfach Besuch. Freunde aus der Arbeitsgruppe, ihre beiden Assistentinnen und jene Frau, die sie mal als Schwester bezeichnete, weil diese Erika sofort in ihre Familie integrierte, besuchten sie ständig. Auch und gerade, als es ihr zunehmend schlechter ging und sie ihren Zustand nicht mehr verbergen konnte. Ihr Zimmertelefon meldete sich fast stündlich. Die Arbeitsgruppe informierte nämlich ehemalige Schulkolleginnen und -kollegen und alle, die von Erika wussten. Zuletzt wurde ihr das Telefonieren aber zu anstrengend und die Gruppe musste um den Abbruch der Telefonaktion bitten. 3, 4 Tage vor ihrem Tod besuchte sie eine ehemalige Intensivkrankenschwester, deren Kinder Erika stets verwöhnte. Nach dem Besuch am Krankenbett ging diese junge Schwester schnurstracks zum Stationsarzt und faltete ihn zusammen: Wie lange lassen sie die Erika noch leiden, bis sie endlich Morphiumgaben erhält? Noch am gleichen Abend erhielt Erika endlich ihre erste Dosis.
Die Schmerzen waren einigermaßen gelindert, aber "Freund Hein" stand jetzt in der Krankenzimmertür. Da war wieder dieser ängstliche Blick: Wer wird die nächsten Stunden oder Nächte bei mir sein? Denn auch dem Krankenhauspersonal blieb nicht verborgen: Es ist bald vorbei. Und so fand sich Erika plötzlich zwar im selben Zimmer, aber ohne Mitpatientinnen.
Die Angst war unbegründet. Ihre neue "Schwester", die sie 6 Jahre zuvor an ihr Herz drückte, übernachtete neben ihr. Als diese zur Arbeit fuhr, war jeweils eine Assistentin an ihrer Seite. Zwischendurch kam ein Mitglied der Arbeitsgruppe und füllte weitere Stunden an ihrem Bett aus. Sie sprachen über den Tod und er versprach ihr, dass sie nicht ohne menschliche Nähe diese Erde verlassen werde.
Zwischendurch hat sich die Gruppe um einen Hospizplatz bemüht. Zwei Häuser wurden besichtigt und es waren sogar Zimmer frei. So setzte man Erika auf die Warteliste.
Das war nicht mehr nötig. Ein Arbeitsgruppenmitglied rief morgens die Assistentin, die nun an Erikas Sterbebett saß, übers Handy an, und bat sie heraus auf den Flur. Man wollte ihr mitteilen, dass nun ein Bett im Hospiz frei sei. "Ich kann jetzt nicht aufstehen; sie stirbt gerade", war die Antwort. Erika bekam das sicher nicht mit, denn sie war friedlich weggedämmert - und die Assistentin hielt ihr die Hand. Das wird Erika gemerkt haben. Noch im Krankenhaus wurde sie gewaschen und das weiße Tuch über sie gedeckt.
Ja, Angst vor der Beerdigung hatte sie auch. Schließlich hatte sie keine Verwandtschaft. Ihr Kapital waren aber etliche Freunde. Auch diese Angst war also nicht nötig. Sie alle wurden informiert, eine Todesanzeige erschien in der Zeitung und auf diversen Internetplattformen. Man schenkte ihr eine ungewöhnliche Beerdigunszeremonie. Und wenn sie vom Himmel gucken konnte, hat sie sicher gestrahlt. Der Stiftungsleiter hielt die Verabschiedung in jener Kirche, in der sie auch konfirmiert wurde. Die Urne vor dem Altar, links ein großes Foto von ihr. Die Kirche war gut gefüllt. Auch die örtliche Zeitung berichtete. Tage später wurde ihr Wunsch nach der Beisetzung ihrer Asche in einem Friedwald umgesetzt. Ein Mitglied der Arbeitsgruppe ist Diakon mit der Zulassung zum Predigerdienst und zur Sakramentsausübung (http://de.wikipedia.org/wiki/Sakrament). In kleinem Kreis wurde die Urne vor einem Baum hinabgelassen. Erika war durchaus gläubig und darum wird es sie mit Stolz erfüllt haben, dass 2 Männer im Talar ihren toten Körper verabschiedeten. Nach ihrer verpfuschten Kindheit ein würdiger Abgang. Wenigstens das.
Erika ist eine letzte Demütigung erspart geblieben, weil sie aktive Freunde hatte. Aber - Wie sieht es in den vielen Pflegeheimen aus?











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