Overblog Follow this blog
Edit post Administration Create my blog

Anstaltsfraß: Kulinarische Langeweile vor dem Tod

Posted on May 22 2015

Wenn Jochen nach durchgefeiertem Wochenende Montagmorgens den Speisesaal aufsuchte, um den Restalkohol mit starkem Kaffee zu überdecken, wurde er manchmal von Mutter Wiemer erwischt. Du siehst heute aber wieder schlecht aus, meinte die Küchenmama so oder ähnlich und fügte an: Setz dich erst mal, ich brat dir jetzt schnell sechs Eier. 5, 6 Minuten später stand die dampfende Pfanne auf dem Tisch und es blieb nichts übrig. Die spanische Küchenhilfe ahnte auch: Die Jungs brauchen ordentlich was auf die Gabel. Einmal monatlich belegte sie alle Backbleche mit Pizzateig, verteilte Tomatenscheiben darüber, bißchen Käse danach und ab schob sie die großen Bleche in den großen Ofen bei voller Hitze. Kurz vor Vollendung des Werkes drapierte sie noch Spiegeleier auf den Pizzen und dann, nach etwa einer Minute wurde serviert. Den Jungs lief der Sabber in Vorfreude fast die Wangen hinunter; jedenfalls war hier und da schon lautes Schmatzen hörbar.

Küchenmama Basteck – auch ihren Namen kann ich öffentlich nennen, denn sie war eine wirkliche Mama für ihre behinderten Frauen – fragte gelegentlich morgens ab: Was mögt ihr denn heute mal zum Abendessen? Und meist wurde dann eine kulinarische Köstlichkeit zu den sonstigen Anstaltskniften serviert. Die Stullen blieben liegen und ansonsten herrschte nach dem Verzehr gähnende Leere auf den Tellern.

Das war vor 40 Jahren so. In den beiden genannten und in fast allen anderen Anstaltshäusern einer großen Einrichtung für behinderte Menschen. Aber – es war einmal. Jedes Haus hatte seine Küche, sein Küchenpersonal und eine Vorratskammer, in der schöne Ware eingelagert wurde. Schade, mit Öffnung eines großen Ausbildungszentrums stellte man fest: Es wird zu viel geklaut (Ist es heute anders?). Das mag stimmen. Jedenfalls versorgte manche Hausleitung ihre im Haus wohnende Familie für lau (http://www.duden.de/suchen/dudenonline/für%20lau). Wahrer Grund jedoch war eine neue, große zentrale Küche. Aber zunächst blieb das Küchenpersonal, jedoch auf eine oder zwei Frauen beschränkt, in den Häusern. Diese waren für das Frühstück zuständig und glichen - viel zu oft unter erheblichem Zeitdruck - den Fraß aus, der zwischen Plastikdeckeln mittags in die Häuser geliefert wurde. Was bereits zwei Stunden gekocht ist, kann nur selten schmecken und meist ist es beim Servieren nur noch lauwarm. Je nach Fahrstil des LKW-Fahrers wechselte die Suppe schon mal vom Suppenschüsselchen hinein ins Fleisch. Die Jungs, Mädels und schwerbehinderten Männer und Frauen konnten unter drei Mahlzeiten aussuchen. Die Speisekarte klang verlockend, aber die Harmonie der Kompositionen stimmte selten. Gab es abends mal ein Stückchen Pizza, regte dies die Phantasie an: Soll man sie einfach als Bild an die Wand nageln? Jedenfalls, genießbar – und da steckt der Begriff Genuß drin – war dieses Quadrat nicht.

Die Einrichtung hat jedoch für eine andere Einrichtung echte Entwicklungshilfe geleistet: Im Ort stand in Konkurrenz zu einer Kneipe fünf Schritte weiter eine Pommesbude. Und der Besitzer muß stinkreich geworden sein. Wahre Völkerwanderungen setzten ein, von den Heimen zu der Bude. Und da konnte es noch so kalt sein: Wenigstens die Currywurst dampfte heiß in der Pappschachtel. Besonders an Tagen, in denen es Taschengeld oder Zuwendungen von der Family gab, herrschte Gedränge an der Bude. Angeschmiert waren damals ein weiteres Mal die Weisen oder alten Menschen ohne Verwandtschaft. Sie mußten rechnen und sehr oft verzichten oder eben diesen Anstaltsfraß verdauen.

Im Zuge der Einsparmaßnahmen gingen viele Einrichtungen zur Zentralversorgung über. Selbst das eine oder andere Krankenhaus läßt sich jetzt beliefern. Die meisten Behinderteneinrichtungen und viele Krankenhäuser werkeln immer noch unter kirchlicher Trägerschaft. Und den Kirchenfürsten fehlt noch immer der Hintern in der Hose, der nötig ist, um auf den Tisch zu hauen und zu sagen: Wir beliefern uns anvertraute Menschen nicht mit Fraß; entweder ihr erhöht die Essenspauschalen oder macht diese Arbeit selbst.

Zu einem Leben in Würde und Freude auf die letzten Jahre in einem Heim gehört unbedingt gutes Essen. Nicht einigermaßen gutes, nicht verträgliches, sondern leckeres und: DAS AUGE ISST MIT.

Wer jeden Tag schlecht betreut wird und noch Mist essen muß, fragt sich: Ist es nicht besser, zu sterben? Und hier beginnt der seelische Tod. Auch eine Art Euthanasie.

22. Mai 2015

Tanz der Schüsseln - Nach rasanter Fahrt im LKW

Tanz der Schüsseln - Nach rasanter Fahrt im LKW

Comment on this post