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„Die Wunden sind verheilt, aber die Narben bleiben zurück.“ - Plattitüdensammlung oder Frechheit eines Landtagsabgeordneten

Posted on May 30 2015

Günther Garbrecht, SPD-Abgeordneter des Landtags Nordrhein-Westfalen, scheint eine großartige Rede gehalten zu haben. Jedenfalls steht sie vollständig in seinem Blog und „es gilt das gesprochene Wort“.
http://www.guenter-garbrecht.de/meldungen/235/195882/Gerechtigkeitsluecke-schlieszen-bevor-die-Zeit-davon-rennt.html
Und damit fängt das Dilemma an: Garbrecht hätte seine Rede noch einmal gründlichst überarbeiten und den Lehrsatz von Richard von Weizsäcker überdenken müssen: „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“ Und genau das hat der Landtag NRW - ich unterstellen einmal bewusst – geflissentlich getan. Ihm war schon seit dem Erscheinen des Buches „Schläge im Namen des Herrn“ des Spiegel-Journalisten Peter Wensierski bekannt, dass die Nachkriegsjahrzehnte für wenigstens 800.000 Heimkinder die Hölle bedeuteten. Man muss schon blind sein oder naiv, um nicht schon damals zu der Erkenntnis gelangt zu sein, dass auch junge behinderte und zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesene Menschen diese Verbrechenszeit erdulden mussten. Wer nach 2006 Ahnungslosigkeit als billige Ausrede missbraucht, wird zum erneuten Täter an den Opfern.
Sofort nach Erscheinen des Buches gründete sich eine Opferinitiative in Volmarstein, die im Laufe von zwei Jahren 30 Erlebnisberichte zusammenstellte: http://www.gewalt-im-jhh.de
Der Webmaster der HP postete in Gruppen und Foren und machte permanent auf diese Skandale aufmerksam. Der evangelische Diplomtheologe Dierk Schäfer wurde als Kinderrechtsschützer auf eine Anreihung von Verbrechen an einem kleinen behinderten Mädchen in Volmarstein aufmerksam und übernahm fortan auch dieses Thema in sein großes Aufgabengebiet: https://dierkschaefer.wordpress.com
Weiter zum Vortrag. Hier verweist Garbrecht auf den „Runden Tisch Heimerziehung“. Er zitiert aus dem Abschlussbericht, der von verschiedenen kompetenten Lesern „in Stücke gerissen“ wurde. Nicht ein Wort darüber, dass am Runden Tisch gelogen und betrogen und überforderte, selbst ausgesuchte, sogenannte Opfervertreter nach allen Regeln der Juristenkunst über den Tisch gezogen wurden. Zuletzt wurden diese völlig Überforderten zur Unterschrift unter das Abschlussprotokoll – oder wie man das Formular auch nennen mag – gezwungen.
Garbrecht weiter: „Seit 10 Jahren gibt es nun einen wichtigen und selbstkritischen Prozess, stellen sich in den Einrichtungen der Behindertenhilfe dieser Vergangenheit.“ Von Selbstkritik ist wenig zu finden und diese Auseinandersetzung mit der schwarzen Vergangenheit wurde seitens der jeweiligen Anstalten erst begonnen, als nur noch die Flucht nach vorn übrig blieb.
Es waren Betroffene, also Opfer selbst und ihre Sympathisanten, also Diplomtheologe/Diplompsychologe Dierk Schäfer und der Erziehungswissenschaftler Professor Manfred Kappeler, sowie der große „Verein ehemaliger Heimkinder“, die den Heimen die Wahrheit immer wieder „um den Latz“ knallten. Selbst da wurde versucht, zu tricksen. Ein Archivar des Diakonischen Werkes sollte in Volmarstein die Verbrechen aufarbeiten. Die inzwischen gegründete Opfergruppe ist jedoch pfiffig und las vorherige Äußerungen vom ihm im Blog der Diakonie. Damit war der Mann „verbrannt“. Auch die Bodelschwinghschen Anstalten tricksten herum. Sie ließen wichtige Beiträge der Historiker Dr. Ulrike Winker und Prof. Hans-Walter Schmuhl in einem „Märchenbuch schöner Geschichten“ irgendwo ab der zweiten Buchhälfte untergehen. Die meisten Augen waren bis dahin sicherlich ermüdet und der Kopf nicht mehr aufnahmefähig.
Garbrecht hebt beispielhaft in der Aufarbeitung die Stiftung Wittekindshof auf den Schild. Er sollte sich, bevor er kleine Denkmäler meißelt, die Ausarbeitungen von Dierk Schäfer https://dierkschaefer.wordpress.com
und Helmut Jacob https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2012/05/jacob-1-3.pdf
durchlesen. Letztgenannter muss gar nicht Werbung in eigener Sache machen, denn auch er hat es Schäfer zu verdanken, dass seine Dokumentation noch im Internet zu finden sind. Schäfer hat sie komplett in Wordpress eingelagert.
Kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hat ausschließlich darum funktioniert, weil sich Dr. Winkler und Professor Schmuhl nicht manipulieren ließen, weder seitens der Opfer noch der Rechtsnachfolger der Verbrechenseinrichtungen. Aufarbeitung ist nur dann komplett, wenn aus ihr auch befriedigende Schlüsse gezogen werden. Und das ist bei weitem nicht der Fall: Sowohl die Rechtsnachfolger der Heime und Anstalten, als auch die überwiegend kirchlichen Träger verschanzen sich in einer konzertierten Aktion hinter den Empfehlungen des „Runden Tisches Heimerziehung“ und den folgenden Beschlüssen des Bundestages. Sie alle wissen natürlich, dass dieses Gremium eine Farce war. Aber diese Farce scheint ins Konzept zu passen.
Übrigens wurde Schäfer persönlich, der „Verein ehemaliger Heimkinder“ und die „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“ immer wieder schriftlich beim Runden Tisch vorstellig und ihr Verlangen nach Einbeziehung von Opfern aus Psychiatrien und Behinderteneinrichtungen brüsk abgewiesen. Auch dass die letztgenannte Gruppe beim NRW-Landtag eine Petition eingereicht hatte und diese Gruppe selbst die damalige Landtagspräsidentin Regina van Dinther permanent informierte, hat Garbrecht entweder übersehen oder für unwichtig gehalten. Seine Feststellung: „Der Einsetzungsbeschluss des Deutschen Bundestages hat sich auf die Heimerziehung im Rahmen der Jugendhilfe begrenzt“ wird dann lächerlich, wenn man weiß, dass man Gründe vortragen kann, die es rechtfertigen, diesen Beschluss gegen die Vorstellungen bestimmter Politiker zu erweitern. Nötigenfalls hätte der Runde Tisch auch mitteilen können: So ohne uns!
Im Folgenden plappert Garbrecht nach, was ihm seitens der Kirchen und sonstiger Tätervertreter vorgeplappert wird: „Es blieb nicht bei schwarzer Pädagogik, die auf Gewalt und Einschüchterung als Mittel setzte, sexuelle Erniedrigung und Missbrauch kamen in nicht wenigen Fällen hinzu.“ Hätte er sich umfangreich informiert – und das Internet ist voll mit entsprechenden Dokumenten – wäre ihm bewusst geworden, dass hier nicht nur schwarze Pädagogik, sondern vielfach kriminelle Praktiken angewandt wurden, dass Menschen physisch, psychisch und sexuell zerstört wurden. Strafbarkeit erkennt Garbrecht nur in den Fällen sexuellen Missbrauchs. Das ist zu wenig.
Eine gern wiederholte Floskel ist auch diese: „Wir müssen mit dem heutigen Wissen … feststellen.“ Das ist Quatsch! Skandale in der Heimerziehung und auch in der Erziehung behinderter Menschen wurden immer wieder ruchbar. Auch und besonders in Zeiten von Ulrike Meinhoff und Andreas Bader. Dass sie später zu Terroristen wurden, schmälert nicht ihren Verdienst, Heimskandale immer wieder angeprangert zu haben. Auch Professor Kappeler wies in den 70er Jahren oft genug auf Missstände hin.
„Es gab ein umfangreiches Versagen staatlichem Aufsichtshandeln“, so Garbrecht weiter. Auch das ist nur die halbe Wahrheit: Auch die Landesjugendämter, die Aufsichtsbehörden in den Kreisen und in den Kommunen haben sich – man muss es so ordinär ausdrücken – eine Dreck um die in Heime eingewiesenen Menschen gekümmert.
„Die Wunden sind verheilt, aber die Narben bleiben zurück.“ Ein theatralischer Satz, der sicher rühren soll. Er wird untermalt mit Harfenklängen: „Was durch die damalige Heimerziehung genommen wurde, kann auch kein Geld der Welt wiedergutmachen. Aber es ist ein Stück Anerkennung, ein Stück mehr an Lebensqualität, ein Stück mehr späte Würde.“ Wie rührend!
Zunächst: Ich kann ein dutzend Opfer benennen, deren Wunden noch längst nicht verheilt sind oder bis zum Tod waren. Jene beispielsweise, die durch orthopädisch katastrophale Behandlung das Heim körperlich kaputter verlassen haben, als bei der Einweisung. Genannt seien auch die, denen durch Faustschläge die Trommelfelle zertrümmert wurden und die sich seit 50 Jahren mit inzwischen chronischen Mittelohrvereiterungen herumschlagen müssen. Zusätzlich werden sie dadurch zu Opfern, weil ihnen das marode Gesundheitssystem Hörgeräte finanziert, die man besser in den Ohren einer Kuh verstecken kann. Es sei denn, das Opfer zahlt von dem Geld, das es nicht hat – auch eine Folge des Heimlebens – dazu.
Eine wirkliche Entschädigung, die den Namen verdient hätte, trägt sehr wohl dazu bei, Wunden verheilen zu lassen und die Folgen der Heimerziehung einigermaßen zu kompensieren. Auf diese Folgen, teils physische und psychische Wracks, welche die Heimträger hinterließen, geht Garbrecht nicht ein. Ihnen eine Opferrente von wenigsten 300 Euro – so wie sie von Opfern selbst und ihren Sympathisanten gefordert – zu geben, würde zu einem Stück mehr Lebensqualität verhelfen.
Das Heimopfer J. P. beispielsweise leidet unter motorischen Störungen, die ihm die Handhabung einer PC-Tastatur unmöglich machen. Bekäme er, wie von der Volmarsteiner Opfergruppe gefordert, 400 Euro Opferrente und würde der Rechtsnachfolger der Heimträger den gleichen Betrag dazulegen, könnte er sich Eurojobber leisten, die ihm sowohl bei der Korrespondenz, als auch Ausübung seiner Hobbys unter Verwendung des PCs helfen. Sicher bliebe auch noch ein Betrag über der, einige Monate zusammengespart, ihm hilft, frühere Orte in Holland zu besuchen, in denen er sich anlässlich von Schullandheimaufenthalten wohl und geborgen fühlte.
Erst wenn diese Forderungen erfüllt sind, kann der Landtag NRW behaupten: Wir haben uns gekümmert.

30.05.2015

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