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Dierk Schaefers Blog: Was sind Täterorganisationen?

Posted on July 28 2015

Dierk Schaefers Blog

Was sind Täterorganisationen?

Posted in Gesellschaft, Kinderheime, Kirche, Kriminalität, Kriminologie, Pädagogik by dierkschaefer on 28. Juli 2015

Kürzlich wurde durch einen Kommentar in diesem Blog der Begriff „Täterorganisation“ problematisiert[1]. Er wird hier im Blog pauschal –auch von mir – bezogen auf Organisationen, in deren Einrichtungen Heimkinder ausgebeutet, misshandelt, zum Teil auch missbraucht wurden. Entgegen der offiziellen Zielsetzung dieser Heime in kirchlicher oder staatlicher Verantwortung wurden viele Heimkinder nicht gut vorbereitet ins Leben entlassen, sondern durch pädagogisch falsches Handeln und vorenthaltene Bildungsmöglichkeiten in ökonomisch unvorteilhafte Berufsfelder geleitet oder gar durch Misshandlungen vielfältiger Art für ihr ganzes Leben traumatisiert und mit all den Auswirkungen im beruflichen wie auch privaten Bereich belastet. Soweit von diesen Organisationen, ihren Rechtsnachfolgern und dem heutigen Personal Beratung und Therapie angeboten werden, wird dies mit dem Hinweis abgelehnt, sie seien ja als Täterorganisation unglaubwürdig. Das betrifft besonders die kirchlichen Organisationen. Soweit es sich um traumatisierte ehemalige Heimkinder handelt, ist die Ablehnung glaubhaft, denn für viele hat alles Kirchliche Trigger-Qualität.

Nun zum Thema. Das Feld dafür ist leider sehr weit und es ist nicht hilfreich, bei den „bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem“ [2]oder anderen kriegerisch-räuberischen Täterorganisationen[3] oder gar Tätervölkern zu beginnen.

Ausgangspunkt seien Tat und Täter in Verbindung mit Organisation.

Mit Tat ist ein Gesetzesverstoß gemeint. Nullum crimen sine legem.[4] Das Gesetz definiert ein Verbrechen, nicht also die Moral oder die Volksmeinung. Ein Täter ist demnach jemand, der gegen ein Gesetz verstößt. Gegen Gesetze wurde zwar verstoßen, wie die inzwischen zahlreichen Untersuchungen zur Heimgeschichte belegen. Angefangen von mangelhaften oder häufig fehlenden gesetzlichen Grundlagen für eine Heimeinweisung bis hin zu den Körperstrafen in den Heimen. Ist das aber den Organisationen als schuldhaft im gesetzlichen Sinne vorzuwerfen? Nicht nur sexueller Missbrauch, auch die Misshandlungen gehörten nicht zu den Richtlinien in den Heimen. Darum haben die eigenverantwortlich handelnden Täter solche Taten nicht in die Heimakten aufgenommen. Den Organisationen ist für diesen Teil der Heimproblematik also nicht beabsichtigte Täterschaft vorzuwerfen[5], aber Täterschaft durch Unterlassen von Heimaufsicht, durch fahrlässigen Einsatz ungelernten Personals und durch aktive Verschleierung bei erkannten Missständen. Schuldig wurden eher die einzelnen Personen. Die sind durch Verjährungsgesetze geschützt. Die Zwangsarbeit galt als pädago­gisch wertvoll und macht die Organisationen nicht zu Täterorganisationen, auch wenn Klagen aus heutiger Sicht berechtigt sind, dass diese Organisationen nachträglich entschädi­gen sollten für das, was sie damals kassiert haben. Fazit: Für die damaligen Erziehungsein­rich­tungen lässt sich der Begriff Täterorganisation nicht pauschal halten.

Mehrfach habe ich darauf hingewiesen, dass man trennen muss zwischen den damaligen Verbrechen an den ehemaligen Heimkindern und dem heutigen Verhalten der betroffenen Organisationen. Das wurde leider in der Regel nicht verstanden. Nachdem die damaligen Verhältnisse nicht mehr geleugnet werden konnten, fiel es den Organisationen nicht sonder­lich schwer, sich für damals zu entschuldigen, dies zum Teil liturgisch korrekt[6]. Helmut Jacob hat dafür das passende Wort vom „Entschuldigungsgestammel“ geprägt. Maßgeblich sind die Taten der Täternachfolger – und damit sind wir am Runden Tisch.

Die asymmetrische Konstellation wurde oft genug beschrieben und die Verantwortlichen dafür benannt.[7] Es wäre sicherlich überzogen, wenn man die Teilnehmer am Runden Tisch eine „kriminelle Vereinigung“ nennen würde.[8]Doch bisher wurde nicht geprüft, ob es sich um eine kartellrechtswidrige Vereinigung zur Abwehr von Entschädigungsansprüchen gehan­delt hat. Diese schritt zur gemeinschaftlichen Tat … und war erfolgreich[9]. Wie soll man diese Organisationen nennen, wenn man den Begriff Täterorganisation ablehnt? Dann müsste man wohl die Begriffe „scheinheilig“, „heuchlerisch“ und „durchtrieben“ benutzen, was für Organisationen, die sich erklärtermaßen Gott verpflichtet fühlen, nicht weniger ehrenrührig wäre. Sie verfolgen knallhart ihre Interessen, wie man jüngst beim Friesenhof-Skandal sehen konnte[10]. Da unterscheiden sich übrigens die christlich orientierten Organisationen nicht von den anderen, die in einem Verbund, ich kann ihn nur mafiös nennen, jeden Vorteil wahrneh­men.[11] Das ist natürlich nicht kriminell – aber degoutant, um kein schärferes Wort zu gebrauchen. Fazit: Der Begriff Täterorganisationen kann für die Diskussion um das Verhalten der staatlichen und kirchlichen Vertreter am Runden Tisch und der sie entsendenden Organisationen benutzt werden, ist aber nicht alternativlos. Allerdings wäre es recht umständlich von Organisationen zu sprechen, die ihre Machtstellung komplottartig zulasten Schwächerer ausgenutzt und auch noch zur Zustimmung erpresst haben. Für die kirchlich gebundenen Organisationen könnte man auch von Scheinheiligkeitsgesellschaften sprechen.

Bleibt noch die Rolle der ehemaligen Heimkinder am Runden Tisch.[12] Waren sie „Mittäter“? Im besten Fall ließen sie sich einschüchtern, was angesichts der Macht und Kompetenz der tätigen Gegenseite Verständnis herausfordert. Im schlimmeren Fall: Sie haben wieder besseres Wissen mitgemacht. Dies mache ich in personam dem inoffiziellen Leiter der Heimkindervertreter zum Vorwurf[13]. Meine Verfahrensvorschläge[14] lagen seit meiner Anhörung in der zweiten Sitzung des Runden Tisches vor.[15] Doch anstatt zu beantragen, sie dem offiziellen Protokoll hinzufügen, fühlte dieser sich ledig bemüßigt, von mir eine Art Widerruf in persönlicher Sache zu verlangen. Ich hatte geschrieben, „es gab überhaupt keine vertrauensbildenden Signale vom Runden Tisch an die ehemaligen Heimkinder, nur an den Vorstand. Doch dem Vorsitzenden wurde das Vertrauen entzogen und er trat zurück.“[16]Er jedoch bestand darauf, das Vertrauen nicht verloren zu haben. Ich habe den Eindruck, dass ihn nur dieser Punkt meiner Ausführungen interessiert hat. Das ist etwas wenig für jemanden, der es trotz Heimaufenthalt zu akademischen Würden und einer respektablen Stellung gebracht hat.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/07/24/die-rechtsnachfolger-in-den-taeterorganisation-haben-gut-kalkuliert/#comment-7044

[2] http://www.deutschlandfunk.de/hans-wollschlaeger-die-bewaffneten-wallfahrten-geschichte.730.de.html?dram:article_id=102091

[3] https://www.unifr.ch/bkv/kapitel1922-3.htm

[4] https://en.wikipedia.org/wiki/Nullum_crimen,_nulla_poena_sine_praevia_lege_poenali

[5] Die Komplexität des Themas kann man beispielhaft dem Fall „Himmelsthür“ entnehmen:https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2015/01/rezension-himmelsthc3bcr.pdf

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/13/das-war-spitze-herr-ratsvorsitzender/

[7] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[8] Man darf zwar ohne juristische Konsequenzen die katholische Kirche eine „Kinderfickersekte“ nennen“.https://www.lawblog.de/index.php/archives/2012/02/11/katholische-kirche-darf-kinderficker-sekte-genannt-werden/ , doch das ist nur im begrenzten Rahmen der Missbrauchsdiskussion dem öffentlichen Frieden nicht abträglich.

[9] Zum Hintergrund noch einmal Vollmer: Anmerkung 7

[10] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

[11] Eine Zeitung schreibt von „AWO, DRK, Diakonie & Co“ http://www.shz.de/schleswig-holstein/politik/friesenhof-skandal-so-wehren-sich-betreiber-gegen-eine-kinderheim-reform-id10039671.html

[12] Die Rolle des Heimkindervereins möchte ich außen vor lassen. Sie hatten einfach aufs falsche Pferd gesetzt in der Hoffnung, es werde sich als Goldesel erweisen.

[13] … und weiß, dass ich damit auf heftigen Widerspruch stoßen werde, denn ich bin kein Heimkind und habe Heimkinder darum nicht anzugreifen.

[14] Wer beurteilen will, ob sie brauchbar waren, lese nach:https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/verfahrensvorschlage-rt.pdf

[15] https://dierkschaefer.wordpress.com/2009/04/05/anhorung-runder-tisch-2-april-2009/

[16] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/runder-tisch-bericht-ds.pdf

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« Die Rechtsnachfolger in den Täterorganisationen haben gut kalkuliert.

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  1. <li id="comment-7052" class="comment even thread-even depth-1 highlander-comment highlander-comment" "="" style="margin-top: 20px; border-top-color: rgb(204, 204, 204); border-top-width: 1px; border-top-style: solid; list-style: none;"> Helmut Jacob said, on 28. Juli 2015 at 16:40 Selbstverständlich ist der RTH Täterorganisation. Organisation kommt von organisieren. Und der RTH hat eindeutig organisiert, dass die Tätervertreter so wenig wie möglich blechen müssen. Für mich ist der Fall klar wie Kloßbrühe. Und was ich über den Herrn Doktor noch gar nicht wusste, lese ich hier. Sie sollten widerrufen, Herr Schäfer. Gut, dass Sie den üblen Scherz nicht mitgemacht haben. Es steht außer Frage, Dr. Dingsda (ich muss den Namen des Heimopferschädigers schleunigst vergessen) war unerwünscht; nur von der Pastorin nicht. Sie wusste ihn zu dirigieren. Und er stammelte dann nur noch von einem Spatzen in der Hand. Ein Freund meinte zu mir: Wenn ich den Spatz in die Hand nehmen will, gehe ich an die Pinkelrinne. Insofern ist der Doktor auch Täterorganisator.

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