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Erinnerungen an Helmut Schmidt

Posted on November 9 2015

Gerade miste ich mit einer Assistentin ein Bücherregal aus. Einige finden neue Besitzer, andere fliegen in die Papiertonne.

Jetzt liegt vor mir ein weiß-rot gestreiftes Buch: „Deutscher Bundestag – 7. Wahlperiode, Sonderdruck“. Im Inneren sind unter anderem alle Bundestagsabgeordneten mit Foto aufgeführt. Das ist nichts besonderes. Aber die erste Seite hat es in sich: Auf ihr ist ein Autogramm vom damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Erinnerungen werden wach. In den 70er Jahren fuhr ich mehrmals jährlich mit behinderten Menschen zum Bundestag und zum Landtag Nordrhein-Westfalen. Der Bundestag in Bonn besaß noch keine behindertengerechte Besuchertribüne. Also wurden wir dort eingewiesen, wo auch die Saalordner Platz finden; hinten an der Rückwand des Plenarsaales, rechts und links des Haupteinganges. Das fanden wir auch viel spannender, weil wir rätseln konnten, wer uns quasi entgegenkam, um zum Ausgang zu gehen.

Wieder war es soweit; wir nahmen Platz. Als ich nach rechts schaute, bemerkte ich ein Fernsehgesicht. Ich wusste: Das ist Kanzler Helmut Schmidt. Er ruhte auf einem Saalordner-Stuhl, mit dem Kopf an die Wand gelehnt. Ich winkte einen Ordner zu mir und flüsterte ihm zu, er möge den Kanzler fragen, ob dieser eine Gruppe behinderter und nichtbehinderter Menschen aus Volmarstein begrüßen wolle. Tatsächlich schritt der Saaldiener auf den Kanzler zu und tuschelte ihm etwas zu. Der Kanzler winkte unwirsch ab; der Saaldiener kam zu mir. Der Herr Bundeskanzler könne zur Zeit nicht, er habe keine Zeit. Pech gehabt.

Plötzlich stand Schmidt jedoch auf und trat auf uns zu: „Was wollt ihr denn hier?“, fragte er uns. Und ich stellte ihm unsere Gruppe vor. „Sprechen Sie nicht so laut,“, meinte Schmidt zu mir, „Sie kann jeder hören!“ Tatsächlich schauten einige Hinterbänkler zu unserer Gruppe. Wir tauschten einige Sätze aus und dann ließ Schmidt einen Satz fallen, den ich sicher nie vergessen werde: „Da spricht zur Zeit der Kohl, - der will wieder die Republik umkrempeln.“ Schnell verstand ich, was der Kanzler von Helmut Kohl, dem Oppositionsführer aus der CDU, halten könnte.

Schmidt rief den Saaldiener und beorderte einige Handbücher des Deutschen Bundestages. Dann gab er freundlich Autogramme und verabschiedete sich: „Ich bin jetzt gleich dran.“ Mir dämmerte, dass er an der Rückwand gelehnt an seiner Rede gefeilt hatte. So, wie es mir oft in der Nacht geht. Ich feile an Briefen und Beiträgen, damit sie am anderen Tag „rund werden“.

Eins steht fest: Das Buch behalte ich.

Erinnerungen an Helmut Schmidt
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