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Pflege-Abrechnungsbetrug durch die Hintertür: Akkordpflege

Posted on April 20 2016

Die Krankenkassen hätten schon eher Betrugsfälle im Zusammenhang mit der Pflege aufdecken können, wenn sie nur gewollt hätten. Aber das scheint alles zu mühselig zu sein. Die Zeche zahlt eh der Steuerzahler. So besann man sich eines Tricks zur Verhinderung von Aufdeckungen der Lumpereien in der Pflege. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) kündigt Wochen vorher einen Besuch an. Zeit genug, um Pflegedokus „kosmetisch“ zu überarbeiten. Und dem zu Pflegenden eine Fachkraft am richtigen Tag zur richtigen Zeit ans Bett zu stellen.

Seit Jahren betreue ich eine über 80 jährige Frau. Ich wurde mit einer besonderen Masche des Pflegebetruges konfrontiert, als sie mir mitteilte, das Geld für die Pflege durch den Ambulanten Dienst reiche vorne und hinten nicht. So wurde ich neugierig. Bisher ließ sich die Dame einen Teil der Pflegekosten (gestaffelt nach Pflegestufen 1-3) auszahlen, um helfende Verwandtschaft zu entlohnen. Diesem Unsinn setzte ich ein Ende, weil ich ihr begreiflich machen konnte: Solang Du selbst noch Geld aus der Pflegeversicherung ausgezahlt bekommst, kannst Du dem Ambulanten Dienst keine ausreichenden Pflegezeiten dokumentieren; Ambulante Dienste greifen den ganzen Arm samt Schulter und geben sich nicht mit der Hand zufrieden.

Auch nach dieser Umstellung wurde die Dame bedrängt, noch mehr zuzuzahlen. Jetzt galt es, Ursachenforschung zu betreiben. Ich bat die Vertreter des Ambulanten Dienstes in die Wohnung der Betroffenen zu einem klärenden Gespräch. Welche Zeiten für die Erbringung der einzelnen Pflegemodule benötigt werden, war bisher nicht ermittelt worden. So trafen wir die Vereinbarung, dass der Morgeneinsatz getestet und erst dann eine Zeit festgelegt wird. Gesagt, getan, die Pflegedienstleiterin erschien persönlich und übernahm die komplette morgendliche Versorgung. Es kamen 55-60 Minuten zusammen. Monatelang war es ruhig um die Forderungen des Ambulanten Dienstes.

Inzwischen wurde die Dame schwer krank, musste mehrere Krankenhausaufenthalte ertragen. Ertragen darum, weil Krankenhäuser auf behinderte Menschen in keinster Weise eingestellt sind. Aber das ist eine andere Geschichte. Ihre Pflegebedürftigkeit nahm zu. Jetzt fand der Ambulante Dienst einen Ansatzhebel, neu zu fordern: Die Bedürftige solle die Gelder für die zukünftige Kurzzeitpflege und Verhinderungspflege

http://www.dak.de/dak/leistungen/Kurzzeitpflege-1078986.html

http://www.jedermann-gruppe.de/verhinderungspflege-informationen/

zur Deckung der fehlenden Kosten anfordern. Kenner wissen: Wird der zu Pflegende in einer Pflegeeinrichtung zwischengeparkt, reichen selbst diese Gelder nicht aus und der Bedürftige muss, woher auch immer, dazuzahlen. Außerdem ist ihm der Weg versperrt, einen Ambulanten Dienst an einem Urlaubsort anzufordern, weil das Geld ja dem örtlichen Pflegedienst zufließt. Außerdem sollte die Dame ihre Pflegekasse verklagen, mit dem Ziel, von Stufe 2 auf 3 eingestuft zu werden. Auch hier wissen Kenner: Daran sind nächtliche Einsätze gebunden und die fallen bei der Dame nicht an.

Die Schikanen nahmen täglich zu. Anrufe: „Wir müssen die Zeiten kürzen oder Sie zahlen dazu.“; Aufforderung des Pflegepersonals zur Erbringung der Leistungen in kürzerer Zeit; Androhung der Zeitkürzung von 55 Minuten auf 30 Minuten. Außerdem wurden ihr immer wieder Rechnungen mit Zahlungsaufforderungen ins Haus geschickt.

Schon während der Krankenhausaufenthalte der alten Dame habe ich entscheidende Weichen gestellt. Es war mir klar: Ihre Rente reicht nicht. Also habe ich Anträge auf Grundsicherung und zusätzliche Leistungen für die Aufwendungen der Pflege beantragt. Diese sind inzwischen, nach diversen Zuständigkeitsproblemen und Anforderungen von zig Dokumenten, genehmigt. Der Ambulante Dienst hat inzwischen entsprechende Verträge mit dem Sozialamt vereinbart.

Der Terror ließ trotzdem nicht nach: Die Zeiten müssen gekürzt werden, weil die Gelder des Sozialamtes nicht reichen, hieß es immer wieder. Völlig eingeschüchtert rief mich die Dame an. So war ich gezwungen, dem Ambulanten Dienst die rechtliche Seite zu erklären: Vertragspartner sind nun die Krankenkasse, die Krankenversicherung und das Sozialamt. Inzwischen lernt die bedrängte Frau, etwaige Rechnungen und sonstige Forderungen an die Kostenträger weiterzuleiten.

Diese behinderte Frau hat Glück. Sie lernte mich vor über 40 Jahren kennen und fand so einen Vertreter ihrer Interessen. Die meisten Alten und Hilflosen haben Pech. Sie landen entweder direkt im Heim oder sie werden von gewissenlosen Ambulanten Pflegeeinrichtungen abgezockt.

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