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Von der Luxusvilla zum Sterbehaus – Was geschah mit den Eltern?

Posted on May 15 2016

Von der Luxusvilla zum Sterbehaus – Was geschah mit den Eltern?

Der Tag begann aufregend und endete mit einer Tragödie. Schon morgens beobachteten wir: Das Meisenpaar füttert die Girls und Boys in der schmucken dänischen Villa sehr wenig. Oder ist es schon gar nicht mehr das Paar? Ist nur ein Elternteil mit Maden und kleinen Würmern unterwegs, um die kleinen Würmer in dem Häuschen zu füttern?

Mittags saß ich auf der Terrasse und sah nicht eine Meise ins Haus fliegen. Meine Beobachtungen waren, dass Vögel gern eine Mittagspause einlegen und wahrscheinlich irgendwo pennen. Um 16 Uhr musste ich ins Haus. So lange können Vogeleltern ihre Jungen nicht ohne Futter lassen. Und ich hörte auch ständiges, immer lauter werdendes Piepsen.

Ich ahnte Furchtbares - das Schlimmste. Was ist mit den Eltern passiert? Warum kommen sie nicht?

Stattdessen kam ein Vogel, der dafür bekannt ist, dass er hinter kleinen Vogelbabies herjagt und sie frisst: Eine Elster setzte sich auf das Vogelhaus. War das „Freund Hein“ der Vögel? Aber schnell verschwand er wieder, auch darum, weil wir jede Elster verscheuchen.

Anette kam heim. Ich erzählte ihr von den ausbleibenden Meiseneltern und auch sie beobachtete das Haus. Es kam niemand mehr. Jetzt war uns beiden klar: Die Meisen werden elendig verhungern. Ich kam zu einer lauten Zwischenüberlegung: Sollen wir ihnen den Gnadentod schenken, sie in kochendes Wasser werfen, damit das Leiden nur Sekundenbruchteile dauert? „Nein, das kann ich nicht“, meinte Anette mit Bestimmtheit - und ich kann das nachvollziehen. Liebevoll hat sie ein Sonnensegel gebastelt, es drei Mal umgestellt, damit in dem kleinen Vogelhäuschen die gleißende Sonne die Kleinen nicht grillt. Wer soviel Liebe praktisch umsetzt, kann Tiere nicht umbringen.

Abends stellte sich Anne noch einmal unter das Vogelhäuschen. Sie kam mit einer schockierenden Nachricht zurück: „Ich höre nichts mehr“. Jetzt wußte ich: Die Kleinen sind verhungert. Anette meinte jedoch, dass sie vom Schreien müde eingeschlafen sind und hoffentlich im Schlaf sterben.

Heute wurden die Toten aus dem dänischen Häuschen herausgeholt. Es waren schon flauschige Bällchen, so groß wie ein großes Hühnerei. Selbst die Farbe und die Schnäbel waren ausgeprägt. Es hätte nur noch vier/fünf Tage gedauert und sie wären umwelttauglich, weil flugfähig, gewesen. Es hat nicht sollen sein.

So trauern wir ein wenig, weil wir so viel Hoffnung hatten. Erst wollte keine Meise kommen und wir dachten schon: Das Haus zeigt zur falschen Himmelsrichtung. Dann, plötzlich, beobachtete ich vor etwa 14 Tagen intensive Flugbewegungen - zunächst zu einem ausgedörrten Ast vor der Hütte und dann schwups durch das enge, runde Loch hinein. Jetzt war uns klar: So häufiges Hin und Her der Meisen ließ nur einen Schluss zu: Aus dem Pärchen wurde eine Familie.

Anette beobachtete heute Abend: Eine Meise fliegt immer in den dichten Busch vor dem Vogelhaus. Füttert da einer seine Jungen? Vielleicht solche, die schon ausgeflogen waren und sich jetzt verstecken? Wir wissen es nicht und sind unsicher. Denn diese Meise hatte keinen langen Aufenthalt im Busch und man hörte nichts piepsen. Aber sonderbar ist es schon, dass nur vier tote Vögel gefunden wurden, obwohl eine Brut manchmal sieben oder acht Jungen abwirft.

Was bleibt, ist die Hoffnung auf ein neues verliebtes Meisenpaar und die Erinnerung an eine Katastrophe vor etwa 30 Jahren, ebenfalls mit Meisen und einem kleinen Happy End, das ich in einem nie erschienenen Buch „Teufel im Talar – Über allem die Liebe“ niedergeschrieben habe:


Über allem die Liebe

- Hoffnung auf morgen -

War das aufregend! Tagelang flogen sie hin und her und schleppten kleine Äste, Gräser und Haare in den Nistkasten. "Sie brüten wieder!", freute sich Anette. Die Brutstätte hängt direkt neben der Tür zu meiner Wohnung und vom Küchentisch aus konnte ich ihr reges Treiben beobachten. Unsere Freude war groß und wurde von der bangen Frage begleitet: "Wird es dieses Jahr etwas?" Letztes Jahr fanden wir im Juli 6 Eier im Nest. Ein Jahr davor versetzten die Handwerker den Nistkasten so oft, daß die Nestbauer vorzei­tig aufgaben. Ja, und vor dem neuen Ereignis gab es schon einmal einen Versuch. Ein Blaumeisenpaar baute. Und dann sahen wir, wie sie immer wieder den Nistplatz anflogen, in den Ausflug starrten und wie in Panik den Rückzug antraten. Gelegentlich schwirrte eine Hummel um den Kasten. Eines Tages, die Blaumeise saß vor dem Kasten, schoß eine Hummel her­aus. Die Blaumeise griff sie an. Es half nichts: Die Hummeln hatten den Nistkasten besetzt. Unter dem Dach bildete sich ein kleines Hummelnest und klopfte man gegen den Nistkasten, summte es furchterregend. Nein, das konnten wir nicht dulden. Die Boxerhündin ist allergisch gegen Insektensti­che und nur der sofortige Eingriff der Tierärztin rettete ihr unlängst das Leben. So ließen wir das Hummelnest entfernen und stellten den Brutkasten 2 Tage auf den Gartenboden. Eine Hummel kam und suchte das Nest. Sie kroch in alle Mauernischen und – eigentlich waren wir ja Tierquäler. Aber den Hund haben wir lieber.

Nach etwa vier Tagen schien das Bett unserer neuen Gäste, zwei Kohlmeisen, fertig erstellt. Sie kamen nicht mehr. "Nun beruhige Dich", meinte ich zu Anette, "sie flirten jetzt miteinander und in einigen Tagen legt sie die Eier". Es geschah so. Wir sahen ihn die Alte füttern. Kam er angeflogen, gab es eine freudige Begrüßung. Sie reckte den Kopf aus dem Ausflug, ihm entge­gen und minutenlang blieb er bei ihr. Jetzt wollten wir nicht stören. Anette benutzte einen anderen Eingang, ich alarmierte die Freunde: "Wenn ihr kommt, dann schnell und macht keinen Krach vor der Tür!" Verständlicherweise stießen wir auf Unverständnis. Wer kannte schon unsere bangen Gedanken: "Klappt es dieses Jahr?" Auch der Hund mußte zurückstecken. Stets dann, wenn Dorsty ihre neugierige Nase an die Türscheibe drückte und alle möglichen unsichtbaren Einbrecher verbellte, gab es Schimpfe. Sie verstand die Welt nicht mehr.

Dann fuhren wir für einige Tage nach Holland. Unsere Abwesenheit schien den beiden Kohlmeisen richtig gut getan zu haben. Es war um Himmelfahrt und das Wetter prächtig. Als wir wiederkamen, vernahmen wir leises Piep­sen aus der Meisenwohnung. "Die Jungen sind da!" Gott sei Dank! Die Eltern flogen ein und aus. Jedes Mal hatten sie etwas im Schnabel und nach einigen Tagen nahmen sie sogar etwas mit, wenn sie den Kasten verließen. Wir wußten: Alle Babys müssen mal und in einem Saustall sollten "unsere Bäckerburschen" nicht groß werden. Also expedierten die Eltern die Aus­scheidungen ab. Es machte Spaß, am Frühstückstisch zu sitzen, den Blick durch die Scheibe hin zum Nistkasten. Zunächst ließen sich die Eltern auf der Blumenampel nieder und zwitscherten. Aus dem Kasten erklang mehr­facher Willkommensgruß. Dann flog er oder sie mit Eleganz in die Öffnung.

Dorsty wunderte sich über unseren starren Blick in ein und dieselbe Richtung. Sie vermutete Ungemach und rannte zur Tür, starrte durch die Scheibe und bellte wild und aufgeregt. Daß sie uns beschützen wollte, dankten wir mit einem Donnerwetter. Verstehe einer die Menschen. Nach wenigen Tagen kam sie uns allerdings auf die Schliche. Sie sah, daß da zwei Vögel immer wieder von der Blumenampel in die Kinderstube flogen. Nun wußte sie, wohin wir immer wieder starrten. "Du mußt jetzt ganz nett und leise sein", sagte Anette zu Dorsty und zeigte in Richtung unserer Untermieter. Natürlich verstand Dorsty nichts, wedelte aber freudig erregt mit dem Stummelschwänzchen.

Das Zwitschern der Kleinen wurde von Tag zu Tag kräftiger. Nun stimmten unsere beiden Wellensittiche mit ein in das Begrüßungsgeschrei beim Ein­flug der Meiseneltern. Gelegentlich hängten wir den Vogelkäfig neben die Haustür und die Wellensittiche waren ganz verrückt, wenn vor ihnen die beiden Kohlmeisen hin und her flogen.

"Die Kleinen piepsen gar nicht mehr so laut", sorgte sich Anette nach den Pfingsttagen. Ob schon das eine oder andere Junge ausgeflogen war? Wir hatten keine Zeit, darüber nachzudenken, schließlich war Besuch angesagt.

In der Frühe des 2. Juni, es war ein regnerischer Tag, kam sie zu mir: "Ich habe in den Nistkasten geschaut. Alle Jungen sind tot und nur ein einziger sitzt ganz jämmerlich unter seinen toten Geschwistern! Der piepst auch nicht mehr". Wir waren verzweifelt und traurig. Was sollten wir tun? Was haben wir falsch gemacht? Hatten wir sie zu sehr gestört? Anette rief einen Tag später die Tierärztin an. Uns schwante nämlich eine böse Ahnung, die sofort bestätigt wurde: In diesen Tagen wird in zahlreichen Gärten, auf zahl­reichen Feldern gegen sogenanntes Unkraut gespritzt, gegen sogenannte schädliche Insekten und gegen allerlei andere vermeintliche Schädlichkei­ten. Warum manche zur Giftspritze greifen, wissen sie oft selbst nicht. Damit werden auch die vielen Insekten und Larven vergiftet, die unsere bei­den Kohlmeisen den kleinen Schreiern in die Hälse stopften. Wir Menschen haben 7 Junge vergiftet und ein einziger Nesthocker kämpft ums Überleben. "Holen sie die toten Tiere aus dem Nistkasten, dann kommen die Eltern eher, um den noch Lebenden zu füttern", riet die Tierärztin. Aber kann es dann nicht sein, daß die beiden ihr letztes Junges aufgeben, wenn sie mer­ken, daß Menschenhand im Nest wühlt? Wird das schwache Kleine durch einen solchen Eingriff nicht zu Tode erschreckt? Wir zögerten.

Freitag, 3. Juni. Wir mußten uns entscheiden. Anette hob den Nistkasten von der Wand. Der Haken klemmte und wollte die Brutstätte nicht freige­ben. Sicher, wir sahen schon mal die Eltern anfliegen; aber hatten sie über­haupt noch etwas im Schnabel? Das Risiko, daß das Junge langsam verhun­gert, wog schwerer gegen den menschlichen Eingriff. Vorsichtig öffnete Anette die Klappe. Sie erschrak. Es war furchtbar. Kleine Vögel, in vollem Federpelz - sie schienen fast flügge - lagen tot im Nest, die Krallen hochge­streckt. Der Überlebende drückte sich an die Wand. Er piepste nicht, schien angsterfüllt und flatterte müde mit den kleinen Flügeln.

Ich stand im Türspalt und zwischen meinen Füßen, unter dem Rollstuhl, lungerte Dorsty, aufmerksam schauend, was Anette tat. Sie holte mit der Pinzette ein Totes nach dem anderen aus dem Nest. Gerade wollte sie das letzte Tier entnehmen, hüpfte der kleine Überlebende aus dem Nistkasten heraus und auf das Gitter der Rollstuhl-Auffahrrampe zu. "Gleich stürzt es dazwischen und hinunter auf den Betonboden!" Blitzschnell versperrte ihm Anette mit ihrem Arm den Weg. Und mit schnellen Sätzen landete das Küken durch die Küchentür hindurch im Zimmer unter dem Küchentisch. Dorsty hinterher. "Halt den Hund!", rief Anette unserem englischen Gast, einer lieben Frau zu. Sie stürzte sich augenblicklich auf unseren Hund und griff in das Halsband. Dorsty giftete uns beleidigt an, sie wollte dem Küken doch nichts Böses. Sie wollte nur mit dem Kleinen spielen. Aber so eine Hundepfote kann ein wenige Tage altes Meischen glatt umbringen. Anette griff unter den Tisch in Richtung Vogel. Er glitt ihr immer wieder aus den Fingern. Sie durfte ja nur sehr vorsichtig zupacken. Endlich hatte sie ihn und schon schob sie ihn in den Kasten und schloß die Tür.

Welch ein Schreck: Ein Flügelchen klemmte in der Tür und das Kleine - ja, es schrie auf! Wir alle waren sehr aufgeregt. Hatten doch Menschenhände das Kleine berührt und es dazu noch verletzt. Würden sich die Eltern jetzt noch um ihren letzten Sproß kümmern?

Still saßen wir hinter dem Küchentisch und beobachteten unentwegt den Brutkasten. Auch Dorsty durfte nicht mehr zur Tür. Jede Störung sollte vermieden werden. Hoffentlich kommen die Eltern. Die Zeit verging. Die ersten zehn Minuten wurden unendlich lang. Nichts tat sich. Schon brannten die Augen, wurde der Hund rebellisch, weil wir ihn immer wieder festhiel­ten, mit ihm schimpften. Da. "Anette paß auf!" Eine Meise landete auf der Blumenampel. Sie starrte Richtung Brutkasten. Nach langen Sekunden flog sie in Richtung Nistplatz und schwenkte kurz davor um und - auf und davon. "Die kommen nicht mehr!"

Wir waren bestürzt. Bange Minuten vergingen. Wieder flog eine Meise die Blumenampel an. Wieder blickte sie zum Kasten. Wieder spannten sich ihre Flügel und wieder - nein! Diesmal flog sie direkt in den Kasten.

Wir atmeten tief durch. Die Eltern fütterten ihr letztes, noch verbliebenes Junges.

Der nächste Tag war regnerisch und kalt. Wir froren in der Wohnung, weil die Heizung ausgestellt war. Wie kalt mußte es dem Kleinen sein? Trotzdem war dieser Tag ein Fest für uns, denn das Kleine piepste stündlich lauter. Kamen die Eltern, begann großes Geschrei. Und je lauter der Kleine schrie, desto lauter keiften unsere Wellensittiche. Es vergingen kaum zwei bis drei Minuten, schon wurden dicke Raupen und kleine Würmer gereicht. So ging es den ganzen Tag bis in den dämmerig werdenden Abend hinein.

"Das Junge meldet sich nicht mehr!", war Anette einen Morgen darauf bestürzt. Alle Hoffnungen schwanden. Sollte das achte Kleine tot sein? Waren alle Bemühungen umsonst? Bekam auch dieser kleine Schreihals vergiftetes Futter? Am späten Nachmittag stellte sich Anette auf einen Stuhl vor den Kasten, nahm in ab und blickte hinein. Der Brutkasten war leer. Dieser Tag war unser ganz besonderer Sonntag. Anette backte Kuchen.

Dieses Erlebnis hatte ich für Julia niedergeschrieben. Jenes kleine Mädchen, das mir dringend ans Herz legte, viel Spinat zu essen, damit ich richtig stark würde. Was aber sucht diese Episode in diesem Buch?

Ich hab' da einen Traum ...

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