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Sexuelle Übergriffe und sexuelle Verbrechen an behinderten Schulkindern in den Nachkriegsjahrzehnten im „Johanna-Helenen-Heim“ in Volmarstein

Posted on September 15 2016

„Dann hat er vor mir masturbiert bis zum Erguss. Das war ekelig!“

Wer dieses Thema aufgreift und nachforscht, braucht Gegenüber, also Opfer, die sich ihm „offenbaren“. Diese Opfer melden sich grundsätzlich nur, wenn ihnen eine langjährige Vertrauensperson gegenüber sitzt. Selbst geschulte Psychologen finden nicht immer Zugang zu diesem Bereich ihrer Klienten oder sie brauchen viele Therapiesitzungen, um dieses Vertrauen zu gewinnen.

Bevor sexuell Belästigte oder Missbrauchte sich öffnen, wollen sie unausgesprochen die Garantie, dass ihre Daten anonymisiert (am besten überhaupt nicht) fixiert werden. Zu sehr befürchten sie, dass das Geschilderte gegen sie verwandt werden könnte und sie erneut zu Opfern werden.

Ich habe mich an dieses Thema gewagt, weil ich nun seit 10 Jahren in der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“ mitarbeite und sich das Thema immer stärker in den Vordergrund drängte.

Nach solch einer langen Zeit findet so auch das eine oder andere Opfer an unseren Küchentisch und wird hier liebevoll umsorgt. So entwickelt sich eine vertrauensvolle Basis.

Die Konfrontation mit diesem Thema war ein Balanceakt zwischen der Gefahr einer Re-Traumatisierung oder einer Blockade. Es galt also, das richtige Gespür aufzubringen, wann und in welchem Maße dieses sensible Thema angesprochen wird. Die Homepage der Arbeitsgruppe erwies sich als ein Türöffner. Auf ihr hat ein damaliges Mädchen die an ihr verübten Übergriffe im Detail geschildert. Mein Hintergrundwissen über etliche Vorfälle in den 60er und 70er Jahren trug dazu bei, Schleusen zu öffnen. So konnte ich von einigen Erlebnissen erfahren, die im Folgenden wiedergegeben werden. Zitate dürfen nicht wörtlich verstanden werden.

Erst heute hatte ich ein längeres Telefongespräch, in dem ich den Teilnehmer darauf ansprach, dass er schon mehrmals auf sexuell geprägte Erlebnisse in seiner Kindheit hinwies. Auf die Frage, ob er detaillierter berichten wolle, hat er nicht zögerlich reagiert. Ein älterer Mitschüler sollte ihn zur Orthopädie/Bandagenwerkstatt ins „Hermann-Luisen-Haus“ bringen. Dort waren mehrere Untersuchungskabinen nebeneinander angeordnet und mit einem Vorhang gegen Einblicke abschirmbar.

„Ich war noch ganz jung, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Der ältere Mitschüler befummelte mich und masturbierte dabei bis zum Erguss. Das war ekelig!“ In einem Fall wurde er von einem Diakonschüler bedrängt. Dieser brachte ihn zur Toilette und befriedigte sich ebenfalls in seiner Gegenwart.

[Im Hermann-Luisen-Haus“ wurde in der oberen Etage eine Schulkinder-Station“ eingerichtet. Ich habe einen Diakonschüler beobachtet, der ganz offensichtlich sexuelle Stimulationen an einzelnen behinderten Schulkindern vornahm. Dies wurde mir seitens der Opfer ganz freimütig bestätigt. Nach einem Gottesdienst in der Martinskirche habe ich den „Brüderhaus-Vorsteher“ des Martineums auf diesen Diakonschüler hingewiesen. Er war Pfarrer. Er beschimpfte mich übelst und drohte mir mit zahlreichen Konsequenzen, wenn ich diese Anschuldigungen nicht sofort zurücknähme. Wie ein begossener Pudel verließ ich die Sakristei. Erstaunlicherweise war dieser Diakonschüler hernach nicht mehr auf dieser Station tätig.]

Wie ich erst unlängst erfahren habe, hatte Schwester J. mit einen Jungen, der sich in der Pubertät befand, mehrmals den Geschlechtsakt aktiv vollzogen. Ich würde von Vergewaltigung sprechen. Details erspare ich dem Leser.

Zeugnisse sexueller Übergriffe, die auch als solche empfunden wurden, finden sich auf der Homepage der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“ (www.gewalt-im-JHH.de). Eine ehemalige Schülerin berichtet von Ereignissen in der Badestube: „Mittwochs war immer Badetag. Vor diesem Tag fürchtete ich mich sehr. Es war jedes Mal eine große Qual, mich vor den Schwestern und Kindern auszuziehen. Als ich älter wurde, wurde es noch viel schlimmer. Sie machten sich über meine körperliche Entwicklung lustig und kniffen mir dabei in die Brüste und Po. Die Kinder freuten sich über dieses Schauspiel.“

Die ehemalige Studentin Tanja Schmidt hat ihre Abschlussarbeit 'Psychologischer Berater' mit dem Thema 'Sexueller Missbrauch in der Kindheit – Auswirkungen im Erwachsenenalter' der Arbeitsgruppe zur Veröffentlichung überlassen.

http://gewalt-im-jhh.de/Erinnerungen_MB/Sexueller_Missbrauch_in_der_Kindheit_-_folgen.pdf

In dieser Arbeit schreibt sie: „Neben dem körperlichen Missbrauch gibt es noch eine zweite Art von sexuellem Missbrauch, die des seelischen sexuellen Missbrauchs. Dabei wird das Kind nicht zu sexuellen Handlungen angeregt und es werden auch keine an dem Kind ausgeführt. Hierzu gehören Erniedrigungen verbaler Art über den Körper oder die Geschlechtsreife. Es wird beleidigend und demütigend im Beisein des Kindes über den Körper und die Geschlechtsmerkmale geredet. Diese Art von sexuellem Missbrauch wird oft verharmlost und als 'weniger schlimm´ angesehen. Dies ist jedoch ein weitverbreiteter Irrglaube. Die Kinder, die einen seelischen Missbrauch erlitten haben, leiden meist genauso stark unter den Spätfolgen wie die Kinder körperlichen Missbrauchs.“

In diese Kategorie passt auch folgende Begebenheit: „Wieder einmal stand ich im Badezimmer und wusch mich. Im Spiegel sah ich Schwester E. hereinkommen. Über ihrem Arm hingen viele Büstenhalter in verschiedenen Größen. Mir war sofort klar, dass sie keine guten Absichten hatte, als sie direkt auf mich zukam. Die Kinder schauten gespannt zu. Schwester E. meinte: ‚Jetzt, wo Du Deine Tage bekommst, musst Du einen BH tragen!’ Ich konnte das nicht verstehen. Ich hatte keinerlei Ansatz eines Busen! Keiner der BHs, und war er auch noch so groß, wurde von der Anprobe vor den Kindern ausgelassen. Zum Schluss zog sie mir wieder einmal die Hosen herunter. Mir ist bis heute nicht klar, was sie damit bezwecken wollte. Es machte ihr sichtlich Freude.“

In diese Kategorie, nunmehr angereichert mit sadistischen Zügen, passt auch folgender Bericht, den ich aus Platzgründen zusammengefasst wiedergebe: Die Schreiberin bekam mit 12 Jahren ihre Periode. Sie musste sich mit grobem Zellstoff, der kaum saugfähig war, begnügen. Auch wurde sie dadurch sehr schnell wund. Einmal musste sie diesen Zellstoff dringend wechseln. Sie durfte nicht, weil sie erst Kartoffelsuppe essen sollte. Dabei bekam sie mit, wie eine andere Schwester zu einem Jungen sagte: „Wisch das mal weg, da hat sicher jemand Nasenbluten gehabt.“. Die Spur führte direkt zu der Schülerin. „Ich schämte mich sehr ...“ Die Schülerin wurde gezwungen, im Stehen zu essen und schluckte so schnell wie möglich hinunter. Darauf gab ihr die Schwester hocherfreut einen weiteren Teller. Auf der Mädchenstation angekommen erbrach sich die Schreiberin, eine Schwester lief hinter ihr her und gab ihr eine jener Gummihosen, die von Inkontinenten getragen wurden. Das Opfer: „Bei jeder Berührung, die ich machte, knisterte und stank die Gummihose entsetzlich [nach Urin].“. Sie musste den ganzen Tag in dieser Hose herumlaufen und traute sich vor Scham nicht, den Kopf zu heben.

Ebenso in diese Kategorie scheint folgendes Erlebnis zu passen: Ein Schüler stand vor der bekannterweise gewalttätigen Lehrerin Steiniger. Er trug ein Urinal. Hierbei handelt es sich um einen Gummibeutel in den der Penis hineingesteckt wird. Danach wird der Beutel mittels eines Gurtes um die Hüfte herum befestigt. Am Ende des Beutels befindet sich ein kleiner „Ablasshahn“, damit er entleert werden kann. Dieser kleine Verschluss tropfte. Das blieb Steiniger nicht verborgen und so musste der junge Mann, voll in der Pubertät stehend, Hose und Unterhose ausziehen. Auch musste er sich 1-2 mal zu seinen Mitschülern umdrehen.

Weitere schwere sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen wurden richterlich verurteilt. Der Konrektor der Schule bat einzelne Mädchen zur Sprachtherapie. Nicht alle hatten Sprachprobleme. Währenddessen verging er sich an ihnen. Ein Opfer berichtete, dass der Konrektor einen Italiener aus dem Dorf Volmarstein kommen ließ. Dieser vergewaltigte vor seinen Augen immer wieder ein junges Mädchen, während der Lehrer dabei masturbierte. Berichtet wurde auch, dass er aus einer anderen evangelischen Einrichtung wegen ähnlicher Verbrechen flog, er aber nicht angezeigt wurde. Also lud der Lehrer, der nun in Volmarstein wohnte, Jungen aus dieser ehemaligen Wirkungsstätte ein, holte sie dort ab und verging sich an ihnen.

Die Erfahrungen mit diesem Konrektor decken sich mit den Schilderungen einer anderen damaligen Schülerin. Der Konrektor hatte in einem Heim im Keller ein Matratzenlager aufgebaut und sich dort an Mädchen vergangen. Ob auch Jungen aus dem „Johanna-Helenen-Heim“ zu den Betroffenen zählten, ist nicht bekannt. Die Vorfälle flogen auf, weil eine Lehrerin Gespräche „mithörte“ und auf eine Anzeige drängte. Psychologische Betreuung der Opfer fand nachher nicht statt. Um sie angeblich aus dem Trubel der Presse zu schützen, brachte man sie einige Wochen lang weiter entfernt unter.

Notiz am Rande: Die damals Missbrauchte stellte vor wenigen Jahren einen Antrag auf Leistungen aus dem Fonds für sexuell Missbrauchte der Evangelischen Kirche Westfalen-Lippe. Um Re-Traumatisierungen zu vermeiden, hatte ich für sie den Fragebogen ausgefüllt. Darin stand die schockierende Aufforderung zur Schilderung des Tathergangs und der Tatzeit. In sehr vorsichtigen Gesprächen öffnete sich die Frau. So konnte ich den Fragebogen vollständig ausfüllen. Die Antwort kam postwendend: Das Opfer möge sich persönlich melden. Ich riet der Frau von einer Inanspruchnahme der Leistungen ab.

Ein ehemaliger Schüler berichtet: „Es war ein kalter Tag. Badetag. Schwester I. badete ihn. Nach der Grundreinigung nahm J. ihn auf den Arm, trug ihn in sein Zimmer und stellte ihn auf seine dünnen Füße. Sie nahm das Handtuch und trocknete ihn ab. Vorne, hinten, oben, unten. Dort unten hielt sie sich ungewöhnlich lange auf. Sie rubbelte ihm die Haut rot. 'Was machst du denn da, du Schwein?'. J. wurde rot vor Wut. 'Du altes Ferkel!' Er begriff gar nicht, warum sie nun mit ihm schimpfte. Gut, bei dem vielen Abfrottieren war ihm ganz merkwürdig zumute und sein „Pillermann“ wurde immer länger. Aber dass das bösartig ist, begriff er jetzt erst. 'Dass du so ein Schwein bist, du Ferkel!' J. verschlang das Handtuch zu einem Knoten am unteren Ende. Das andere Ende ergriff sie mit fester Hand. Mit Wucht schlug sie den Knoten in den Unterleib des Jungen. Immer wieder auf das kleine Glied, das längst nicht mehr diese Wohltat des Abtrocknens erfuhr. Dann sackte der Kleine hin. J. riss ihn vom Boden, zog ihm mit Gewalt das Nachthemd an. Danach brach er wieder zusammen.“

Ein Vorfall wurde von mehreren Mitschülern beobachtet: Ein stark behaarter Schüler wurde in ähnlicher Weise so lange abgetrocknet, bis er mit voller Erektion am Badezimmerfenstern stand. Schwester J. beschimpfte ihn nicht etwa, sondern holte eine junge diakonische Helferin dazu, die erst seit kurzer Zeit auf der Mädchenstation tätig war. Man wolle ihr etwas zeigen, was die Körperpflege beträfe. Auf dem Hoden waren Pickel zu sehen, die die diakonische Helferin erfühlen sollte. Auch wurde sie aufgefordert, ganz genau hinzuschauen. Diese Prozedur war beiden peinlich, dem Jungen darum, weil seine Erektion durch die Berührungen nicht verschwand, dem halben Kind, weil es eben nicht genau fühlen und sehen wollte.

Ein Mann erzählt von sexuellen Übergriffen in seiner Kindheit durch einen Mitschüler. Schon in der ersten Nacht legte er sich zu ihm ins Bett und versuchte, ihn sexuell zu stimulieren. Dabei wurde er allerdings gestört, so dass der Mitschüler von ihm abließ. Das Opfer: „Von da ab war ich konditioniert.“ Auf Nachfrage, wie er das meint, kam die Antwort: „Ab da hatte ich nachts immer Angst.“ Noch als Auszubildender wurde er sexuell belästigt. Im Treppenhaus griff ihm ein Ausbilder von vorn in die Hose und berührte ihn unsittlich.

Auswirkung der sexuellen Übergriffe auf das spätere Leben

Zunächst ist klar festzuhalten: Ich bin kein Psychologe. Darum kann ich nur Äußerungen wiedergeben, die ich aus Gesprächen beziehe.

Für eine Schülerin spielte im späteren Leben die Sexualität, in welcher Form auch immer, keine Rolle. Als Jugendliche und als Frau hatte sie keine Beziehungen zu Männern. Aus ihrer Biografie ist bereits ersichtlich, dass sie aufgrund der Heimerfahrungen jedes Vertrauen in andere Menschen verloren hat. Selbst in der Ausbildung wurde sie enttäuscht. Nach Beendigung der Ausbildung vermittelte ein Psychologe der Evangelischen Stiftung ihr einen Arbeitsplatz und bat ihre zukünftigen Arbeitskolleginnen in einem Vorgespräch um Verständnis und Rücksichtnahme. Schließlich sei „die Neue“ im Heim gewesen und habe schlimme Erfahrungen gemacht. Mehr und mehr wurde sie von ihren Arbeitskolleginnen gemobbt und beleidigt. So führte sie ein Eremitenleben und hatte lediglich Kontakt zu einer anderen behinderten Dame, die im gleichen Haus wohnte. Beziehungen bestanden auch zu den Familien, in denen sie Patentante eines Kindes war. Das Vertrauen zu mir entstand sicher dadurch, dass sie in unserem Haus wie eine Schwester aufgenommen wurde und sie dies immer wieder spürte. Unbekleidete Männer sah sie erst an einem Computer.

Eine andere ehemalige Schülerin hat zwar eine Familie gegründet, erträgt allerdings nur selten die körperliche Nähe ihres Mannes. Sie hat ein Glückslos gezogen: Ihr Mann ist über alle Maßen verständnisvoll. Er flüchtet sich gelegentlich in sarkastischen Humor. Ich zitiere mit ausdrücklicher Genehmigung: „Wir haben ausgefallenen Sex: heute ausgefallen, gestern ausgefallen, vorgestern ...“

Von einigen Opfern ist bekannt, dass die Ehe scheiterte. In einem Fall ist die Ursache aber auch in einer Tragödie mit dem Verlust der Tochter während der Ehe zu finden.

Die geschilderten Vorfälle sind nur die wesentlichen. Einige weitere dieser Art von anderen Personen sind mir bekannt. Ich gehe auch davon aus, dass es über diese Fälle hinaus sicher noch etliche weitere gab, die aber nicht bekannt wurden. Auch sind viele Ehemalige inzwischen verstorben, bevor ich mit ihnen darüber sprechen konnte.

Helmut Jacob (Mitglied der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“)

06. August 2016

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