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Ilsedore Nowak – eine ungewöhnliche Frau – ist tot. Ein Nachruf.

Posted on October 21 2016

Ilsedore Nowak wenige Tage vor ihrem Tod
Ilsedore Nowak wenige Tage vor ihrem Tod

Es war absehbar, geschah aber dann doch ganz plötzlich: Am 19. Oktober starb Ilsedore Nowak aus Wetter-Wengern im Alter von 88 Jahren im großen Kreis ihrer Familie. Sie wollte 90 werden und man hätte es ihr gegönnt. Denn auch sie konnte gönnen.

Was sie auszeichnete, war ihr unerschöpfliches soziales Engagement, gerade für die Schwächsten der Gesellschaft. Anfang der 70er-Jahre las sie in der Tageszeitung einen Aufruf der „Abteilung Freizeitarbeit“ der Volmarsteiner Anstalten. Es wurden dringend Begleiter gesucht, um schwerbehinderten Frauen und Männern erstmalig ein großes Sommer-Urlaubsprogramm zu ermöglichen. Schneidermeister Paul Nowak und seine Frau lasen davon und sie sagten spontan zu. Ihre Kinder Regina und Elisabeth zogen mit und der kleine Paul wurde ebenso eingespannt. Der junge Freundeskreis der Familie konnte ebenso begeistert werden.

Plötzlich erlebten die behinderten Bewohner des Zentralbereiches der Volmarsteiner Anstalten ein umfangreiches, zuvor nie dagewesenes, Sommer-Freizeitprogramm. Drei Wochen lang waren der Spezialbus und andere Privatfahrzeuge jeden Tag auf Achse. Mal brach die Gruppe auf zu einer Rheinfahrt, mal ging es ins Freilichtmuseum Arnheim. Viele bekannte Attraktionen wurden besucht. Und viele behinderte Frauen und Männer erfuhren das, was man heute „Teilhabe am Leben in der Gesellschaft“ nennt. Aber es entstanden auch private Freundschaften. Sonntags lud Ilsedore Nowak häufig Frauen und Männer zum Kaffee auf der großen Terrasse der Familie ein. Dann wurden Torten aufgefahren und zum Abschluss Kartoffelsalat gereicht.

Im Frühling und Herbst war diese große Gruppe nicht untätig. Es galt, die Begleitung zu Abendveranstaltungen in den Westfalenhallen, in der Ruhrlandhalle, in der Münsterlandhalle und in Düsseldorf zu ermöglichen. Bereits ein Jahr später konnte das Programm erweitert werden. Jetzt endlich waren echte Kurzfreizeiten möglich. Ostern ging es in die Jugendherberge Arnheim, über Pfingsten in ein großes Ferienhaus nach Westerbork bei Assen. Behinderte Heimbewohner, die gern einmal privaten Urlaub erleben wollten, fanden Helferinnen aus dieser Gruppe. Der Winter war der Planung vorbehalten. Die Freizeitaktivitäten sollten möglichst nichts kosten. Und so wurden „Bettelbriefe“ geschrieben und Telefonate geführt. Jetzt war es auch möglich, dass die schwerbehinderten Männer aus dem „Franz-Arndt-Haus“ zu Fußballspielen nach Dortmund, Gelsenkirchen und Düsseldorf fahren konnten, ohne einen Pfennig bezahlen zu müssen. Viele Damen verbrachten die Abende in den großen Musikhallen des Ruhrgebiets. In den Generalproben zogen die Stars an ihnen vorbei. Am Live-Abend saß an ihrer Stelle die Prominenz. So lernten sie von Peter Alexander bis Helmut Zacharias alle damaligen Berühmtheiten kennen.

Mitte der 80er-Jahre wurde aus Kostengründen die „Abteilung Freizeitarbeit“ geschlossen. Etliche Bewohner fielen in ein kleines Loch. Nun waren zunächst keine Begegnungen Behinderter und Nichtbehinderter, keine Ausflüge in die nähere Welt möglich. Noch Jahrzehnte später, wenn die Nowak-Kinder - nun erwachsen und mit eigener Familie gesegnet - Besuche in den Volmarsteiner Anstalten machten, klang es ihnen entgegen: „Weißt Du noch, damals ...?“

Ilsedore Nowak hat ihre Fußabdrücke im kleinen Sandkasten dieser Welt hinterlassen.

Helmut Jacob

21.10.2016

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