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Das einsame Sterben der Johanna O. – Bericht einer Zeitzeugin

Posted on January 17 2017

Sie war gehbehindert und dank ihres gewaltigen Oberkörpers zusätzlich belastet. Und sie war Ausbilderin in der Rechnungsabteilung. Um sie ranken sich zahlreiche Anekdoten. Beispielsweise, dass sie sehr sonnenhungrig war und sich in ihrem vom Großbüro abgetrennten Kabuff gern der Sonne entgegenblößte, wenn sie unbeobachtet war. Auch, dass sie mich mittags mit einem mehrteiligen Henkelmann zur Klinik schickte, um das Essen für sich und ihren Mittagsgast abzuholen.

Oft sah die dicke Köchin meinen Hunger ins Gesicht gezeichnet und drückte mir schon mal eine kleine Frikadelle zwischen die Zähne. Manchmal übersah sie meine Signale und so drehte ich mit Henkelmann von der Klinik hinunterkommend direkt links zum Anstaltsfriedhof ab. Dort nahm ich neben einer Bank Platz, tauchte schon mal eine Kartoffel in die Soße, schob mir Gemüse zwischen die Zähne und war auch – was mich heute entsetzt – nicht verlegen, in den weichen Nachtisch zu greifen. Aber: Es blieb viel zu viel übrig; der Verlust konnte nicht auffallen.

Sie war eine Pedantin. Weil in meiner Portokasse eines Tages 10 Pfennige fehlten, saß ich bis in den späten Abendstunden am Schreibtisch und rechnete nach. Eine Rechenmaschine gab es noch nicht; jedenfalls erinnere ich mich nicht daran.

Sie wurde eines Tages pensioniert und zunehmend pflegebedürftiger. Im Laufe der Zeit wurde sie Opfer ihrer langjährigen Freundin. Diese steckte sie in ein Altersheim in die Altstadt von Wetter und sperrte jeden Kontakt mit ihren bisherigen Bekannten und Freunden. In der Zeit räumte sie die schweren, teuren Möbel aus der Wohnung von Johanna und dekorierte ihr eigenes Wohnzimmer neu. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, nahm sie mit. Dann löste sie den Mietvertrag auf. Längst hatte sie auch Vollmacht über das Konto ihrer Pflegebefohlenen und so wanderten viele tausend Mark Erspartes in ihr Portemonnaie.

Die Zeitzeugin verschaffte sich Zugang zu ihrer Freundin Johanna, gegen den Willen dieser Freundin, die selbst nicht davor zurückschreckte, ihre Tochter pausenlos zu demütigen. Von Johanna erfuhr sie von deren Sehnsucht, wieder nach Volmarstein verlegt werden zu dürfen, damit ihre Freunde wieder Zugang zu ihr bekämen.

Dieser Wunsch ging nicht mehr in Erfüllung.

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