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Neuerliche Zumutung für die Opfer in den Heimen: Klaus Görzel

Posted on January 13 2017

Neuerliche Zumutung für die Opfer in den Heimen
Klaus Görzel

WETTER.   Die Freie Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim kritisiert Entschädigungsregelung für behinderte Heimkinder. Zum Teil mit ziemlich heftigen Worten.
Lange haben sie für eine Entschädigung gekämpft. Nun hat zu Jahresbeginn die Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ ihre Arbeit aufgenommen, damit behinderte Heimkinder nicht wie bisher leer ausgehen. Die Kritik an einer verspäteten und zu geringen Entschädigung ist damit nicht verstummt. Besonders laut kommt sie aus der Freien Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim, die sich seit gut zehn Jahren um die Aufarbeitung der Misshandlungen in Heimen der heutigen ESV kümmert.
Sprachrohr der Sprachlosen
„Sie wurden geschlagen und oft zusammengetreten, in Angst und Schrecken versetzt, oft rund um die Uhr. Sie wurden beleidigt und erniedrigt, oft im Kreis ihrer Mitschüler. Sie wurden bestraft für alles, was sadistisches Personal als bestrafenswert erachtete“, erinnert Helmut Jacob von der Freien Arbeitsgruppe an die Verhältnisse im Johanna-Helenen-Heim von Ende der vierziger bis in die frühen sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Nicht nur in Volmar­stein habe es diese Misshandlungen gegeben. „Überwiegend in kirchlicher Trägerschaft befindliche Heime wurden zu Brutstätten der Gewalt, weil sie jeglicher Kontrolle entzogen waren. So konnten sie Kindheiten mit einem Streich zerstören“, weiß Jacob aus eigener, bitterer Erfahrung.
Die Arbeitsgruppe versteht sich nicht allein als Interessenvertretung der Opfer in den damaligen Orthopädischen Anstalten Volmarstein. Sie will vielmehr „Sprachrohr der Sprachlosen sein, all jener, die sich nicht artikulieren können“, so Klaus Dickneite, Sprecher der Freien Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim. Er war im vorigen Jahr bei einer Anhörung für die geplante Stiftung dabei und stellt empört fest: Die Höhe der Entschädigung bleibt weit hinter den Erwartungen zurück, entschädigt wird in einem umständlichen und entwürdigenden Verfahren.
Vorgesehen sind eine einmalige pauschale Entschädigung in Höhe von 9000 Euro sowie Rentenersatzleistungen von bis zu 5000 Euro, hat die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele, zu Beginn der Woche in Berlin erklärt.
Vergangenheit plötzlich wieder da
Die Leistungen sollen nicht auf die Sozialhilfe angerechnet werden. Bis spätestens 1. April sollen in allen Bundesländern Anlauf- und Beratungsstellen eingerichtet werden. Dort sollen persönliche Gespräche geführt und die Anträge auf Entschädigung gestellt werden können. Gerade an diesem Verfahren entzündet sich massive Kritik bei der Freien Arbeitsgruppe.
Umständlich und kostenträchtig sei das, so Helmut Jacob. Und mit nur einem Gespräch sei das dann sicherlich nicht erledigt. „Es gilt unbedingt, Retraumatisierungen zu verhindern“, warnt er davor, die Schrecken der Vergangenheit noch einmal unnötig herauf zu beschwören. Das Ausbreiten der eigenen Misshandlungen in den Anlaufstellen, die dann die Glaubwürdigkeit bewerten müssen, heißt für ihn im Klartext: „Die Opfer müssen noch einmal vor fremden Menschen ,die Hosen fallen lassen’“.
Damit würden die meisten Anspruchsberechtigten vergrätzt, fürchtet Jacob und zitiert ein früheres Heimkind aus Dortmund, das mehrfach sexueller Gewalt ausgeliefert gewesen sei: „Noch einmal sage ich garantiert nicht aus.“ Und wegfallen würden bei dem Anhörungsverfahren auch all jene, die wegen einer geistigen Behinderung oder einer Sprachbehinderung nicht in der Lage seien, über ihre Erlebnisse Auskunft zu geben.

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