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Über allem die Liebe - Hoffnung auf morgen

Posted on March 30 2017

Aus meinem Buchkonzept "Teufel im Talar - Über allem die Liebe"

War das aufregend! Tagelang flogen sie hin und her und schleppten kleine Äste, Gräser und Haare in den Nistkasten. "Sie brüten wieder!", freute sich Anette. Die Brutstätte hängt direkt neben der Tür zu meiner Wohnung und vom Küchentisch aus konnte ich ihr reges Treiben beobachten. Unsere Freude war groß und wurde von der bangen Frage begleitet: "Wird es dieses Jahr etwas?" Letztes Jahr fanden wir im Juli 6 Eier im Nest. Ein Jahr davor versetzten die Handwerker den Nistkasten so oft, daß die Nestbauer vorzeitig aufgaben. Ja, und vor dem neuen Ereignis gab es schon einmal einen Versuch. Ein Blaumeisenpaar baute. Und dann sahen wir, wie sie immer wieder den Nistplatz anflogen, in den Ausflug starrten und wie in Panik den Rückzug antraten. Gelegentlich schwirrte eine Hummel um den Kasten. Eines Tages, die Blaumeise saß vor dem Kasten, schoß eine Hummel heraus. Die Blaumeise griff sie an. Es half nichts: Die Hummeln hatten den Nistkasten besetzt. Unter dem Dach bildete sich ein kleines Hummelnest und klopfte man gegen den Nistkasten, summte es furchterregend. Nein, das konnten wir nicht dulden. Die Boxerhündin ist allergisch gegen Insektenstiche und nur der sofortige Eingriff der Tierärztin rettete ihr unlängst das Leben. So ließen wir das Hummelnest entfernen und stellten den Brutkasten 2 Tage auf den Gartenboden. Eine Hummel kam und suchte das Nest. Sie kroch in alle Mauernischen und - eigentlich waren wir ja Tierquäler. Aber den Hund haben wir lieber.

In etwa vier Tagen schien das Bett unserer neuen Gäste, zweier Kohlmeisen fertig erstellt. Sie kamen nicht mehr. "Nun beruhige Dich". meinte ich zu Anette, "sie flirten jetzt miteinander und in einigen Tagen legt sie die Eier". Es geschah so. Wir sahen ihn die Alte füttern. Kam er angeflogen, gab es eine freudige Begrüßung. Sie reckte den Kopf aus dem Ausflug, ihm entgegen und minutenlang blieb er bei ihr. Jetzt wollten wir nicht stören. Anette benutzte einen anderen Eingang, ich alarmierte die Freunde: "Wenn ihr kommt, dann schnell und macht keinen Krach vor der Tür!" Verständlicherweise stießen wir auf Unverständnis. Wer kannte schon unsere bangen Gedanken: "Klappt es dieses Jahr?" Auch der Hund mußte zurückstecken. Stets dann, wenn Dorsty ihre neugierige Nase an die Türscheibe drückte und allemöglichen unsichtbaren Einbrecher verbelle, setzte es Schimpfe. Sie verstand die Welt nicht mehr.

Dann fuhren wir für einige Tage nach Holland. Unsere Abwesenheit schien den beiden Kohlmeisen richtig gut getan zu haben. Es war um Himmelfahrt und das Wetter prächtig. Als wir wiederkamen, vernahmen wir leises Piepsen aus der Meisenwohnung. "Die Jungen sind da!" Gott sei Dank! Die Eltern flogen ein und aus. Jedesmal hatten sie etwas im Schnabel und nach einigen Tagen nahmen sie sogar etwas mit, wenn sie den Kasten verließen. Wir wußten: Alle Babys müssen mal und in einem Saustall sollten "unsere Bäckerburschen" nicht groß werden. Also expedierten die Eltern die Ausscheidungen ab. Es machte Spaß, am Frühstückstisch zu sitzen, den Blick durch die Scheibe hin zum Nistkasten. Zunächst ließen sich die Eltern auf der Blumenampel nieder und zwitscherten. Aus dem Kasten erklang mehrfacher Willkommensgruß. Dann flog er oder sie mit Eleganz in die Öffnung.

Dorsty wunderte sich über unseren starren Blick in ein und die selbe Richtung. Sie vermutete Ungemach und rannte zur Tür, starrte durch die Scheibe und bellte wild und aufgeregt. Daß sie uns beschützen wollte, dankten wir mit einem Donnerwetter. Verstehe einer die Menschen. Nach wenigen Tagen kam sie uns allerdings auf die Schliche. Sie sah, daß da zwei Vögel immer wieder von der Blumenampel in die Kinderstube flogen. Nun wußte sie, wohin wir immer wieder starrten. "Du mußt jetzt ganz nett und leise sein", sagte Anette zu Dorsty und zeigte in Richtung unserer Untermieter. Natürlich verstand Dorsty nichts, wedelte aber freudig erregt mit dem Stummelschwänzchen.

Das Zwitschern der Kleinen wurde von Tag zu Tag kräftiger. Nun stimmten unsere beiden Wellensittiche mit ein in das Begrüßungsgeschrei beim Einflug der Meiseneltern. Gelegentlich hängten wir den Vogelkäfig neben die Haustür und die Wellensittiche waren ganz verrückt, wenn vor ihnen die beiden Kohlmeisen hin und her flogen.

"Die Kleinen piepsen gar nicht mehr so laut", sorgte sich Anette nach den Pfingsttagen. Ob schon das eine oder andere Junge ausgeflogen war? Wir hatten keine Zeit, darüber nachzudenken, schließlich war Besuch angesagt.

In der Frühe des 2. Juni, es war ein regnerischer Tag, kam sie zu mir: "Ich habe in den Nistkasten geschaut. Alle Jungen sind tot und nur ein einziger sitzt ganz jämmerlich unter seinen toten Geschwistern! Der piepst auch nicht mehr". Wir waren verzweifelt und traurig. Was sollten wir tun? Was haben wir falsch gemacht? Hatten wir sie zu sehr gestört? Anette rief einen Tag später die Tierärztin an. Uns schwante nämlich eine böse Ahnung, die sofort bestätigt wurde: In diesen Tagen wird in zahlreichen Gärten, auf zahlreichen Feldern gegen sogenanntes Unkraut gespritzt,  gegen sogenannte schädliche Insekten und gegen allerlei andere vermeintliche Schädlichkeiten. Warum manche zur Giftspritze greifen, wissen sie oft selbst nicht. Damit werden auch die vielen Insekten und Larven vergiftet, die unsere beiden Kohlmeisen den kleinen Schreiern in die Hälse stopften. Wir Menschen haben 7 Junge vergiftet und ein einziger Nesthocker kämpft ums überleben. "Holen sie die toten Tiere aus dem Nistkasten, dann kommen die Eltern eher, um den noch Lebenden zu füttern", riet die Tierärztin. Aber kann es dann nicht sein, daß die Beiden ihr letztes Junges aufgeben, wenn sie merken, daß Menschenhand im Nest wühlt? Wird das schwache Kleine durch einen solchen Eingriff nicht zu Tode erschreckt? Wir zögerten.

Freitag, 3. Juni. Wir mußten uns entscheiden. Anette hob den Nistkasten von der Wand. Der Haken klemmte und wollte die Brutstätte nicht freigeben. Sicher, wir sahen schon mal die Eltern anfliegen; aber hatten sie überhaupt noch etwas im Schnabel? Das Risiko, daß das Junge langsam verhungert, wog schwerer gegen den menschlichen Eingriff. Vorsichtig öffnete Anette die Klappe. Sie erschrak. Es war furchtbar. Kleine Vögel, in vollem Federpelz - sie schienen fast flügge - lagen tot im Nest, die Krallen hochgestreckt. Der Überlebende drückte sich an die Wand . Er piepste nicht, schien angsterfüllt und flatterte müde mit den kleinen Flügeln.

Ich stand im Türspalt und zwischen meinen Füßen, unter dem Rollstuhl, lungerte Dorsty, aufmerksam schauend, was Anette tat. Sie holte mit der Pinzette ein Totes nach dem anderen aus dem Nest. Gerade wollte sie das letzte Tier entnehmen, hüpfte der kleine Überlebende aus dem Nistkasten heraus und auf das Gitter der Rollstuhl-Auffahrrampe zu. "Gleich stürzt es dazwischen und hinunter auf den Betonboden!" Blitzschnell versperrte ihm Anette mit ihrem Arm den Weg. Und mit schnellen Sätzen landete das Küken durch die Küchentür hindurch im Zimmer unter dem Küchentisch. Dorsty hinterher. "Halt den Hund!", rief Anette unserem englischen Gast, einer lieben Frau zu. Sie stürzte sich augenblicklich auf unseren Hund und griff in das Halsband. Dorsty giftete uns beleidigt an, sie wollte dem Küken doch nichts Böses. Sie wollte nur mit dem Kleinen spielen. Aber so eine Hundepfote kann ein wenige Tage altes Meischen glatt umbringen. Anette griff unter den Tisch in Richtung Vogel. Er glitt ihr immer wieder aus den Fingern. Sie durfte ja nur sehr vorsichtig zupacken. Endlich hatte sie ihn und schon schob sie ihn in den Kasten und schloß die Tür.

Welch ein Schreck: Ein Flügelchen klemmte in der Tür und das Kleine - ja, es schrie auf! Wir alle waren sehr aufgeregt. Hatten doch Menschenhände das Kleine berührt und es dazu noch verletzt. Würden sich die Eltern jetzt noch um ihren letzten Sproß kümmern?

Still saßen wir hinter dem Küchentisch und beobachteten unentwegt den Brutkasten. Auch Dorsty durfte nicht mehr zur Tür. Jede Störung sollte vermieden werden. Hoffentlich kommen die Eltern. Die Zeit verging. Die ersten zehn Minuten wurden unendlich lang. Nichts tat sich. Schon brannten die Augen, wurde der Hund rebellisch, weil wir ihn immer wieder festhielten, mit ihm schimpften. Da. "Anette paß auf!" Eine Meise landete auf der Blumenampel. Sie starrte Richtung Brutkasten. Nach langen Sekunden flog sie in Richtung Nistplatz und schwenkte kurz davor um und - auf und davon. "Die kommen nicht mehr!"

Wir waren bestürzt. Bange Minuten vergingen. Wieder flog eine Meise die Blumenampel an. Wieder blickte sie zum Kasten. Wieder spannten sich ihre Flügel und wieder - nein! Diesmal flog sie direkt in den Kasten.

Wir atmeten tief durch. Die Eltern fütterten ihr letztes, noch verbliebenes Junges.

Der nächste Tag war regnerisch und kalt. Wir froren in der Wohnung, weil die Heizung ausgestellt war. Wie kalt mußte es dem Kleinen sein? Trotzdem war dieser Tag ein Fest für uns, denn das Kleine piepste stündlich lauter. Kamen die Eltern, begann großes Geschrei. Und je lauter der Kleine schrie, desto lauter keiften unsere Wellensittiche. Es vergingen kaum zwei bis drei Minuten, schon wurden dicke Raupen und kleine Würmer gereicht. So ging es den ganzen Tag bis in den dämmerig werdenden Abend hinein.

"Das Junge meldet sich nicht mehr!", war Anette einen Morgen darauf bestürzt. Alle Hoffnungen schwanden. Sollte das achte Kleine tot sein? Waren alle Bemühungen umsonst? Bekam auch dieser kleine Schreihals vergiftetes Futter?  Am späten Nachmittag stellte sich Anette auf einen Stuhl vor den Kasten, nahm in ab und blickte hinein. Der Brutkasten war leer. Dieser Tag war unser ganz besonderer Sonntag. Anette backte Kuchen.

*

Dieses Erlebnis hatte ich für Julia niedergeschrieben. Jenem kleinen Mädchen, das mir dringend ans Herz legte, viel Spinat zu essen, damit ich richtig stark würde. Was aber sucht diese Episode in diesem Buch?

Ich hab' da einen Traum ...

 

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