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Unmoral unter'm Talar – Pfarrer, die meinen Weg kreuzten

Posted on October 21 2014

Unmoral unter'm Talar – Pfarrer, die meinen Weg kreuzten

Im Zuge der Heimkinderdebatte, die seit dem Jahre 2006 in der Öffentlichkeit geführt wird, habe ich vieles über in Heimen tätigen Pfarrern gelesen. Ich habe die Geleitwörter der Nachfolger in Büchern, die über die Skandale berichten, ertragen müssen. Sie haben einzig die Aufgabe, Sand in die Augen der Leser zu streuen und das Leid, das die Menschen in der Bundesrepublik in den Nachkriegsjahrzehnten in Heimen erduldet haben, zu relativieren: Wie überall in dieser Zeit, war auch in unserer Anstalt nicht alles zum Besten bestellt; auch bei uns gab es, aber natürlich nur vereinzelt, etwas Gewalt. Alle Geleitworte sind davon geprägt, möglichst die positiven Aspekte diakonischer Arbeit in den Fokus des Lesers zu rücken und die tatsächlichen Verbrechen, die unter kirchlichen Heimdächern stattgefunden haben, nur nebenbei zu erwähnen. Dementsprechend sind auch die sogenannten Entschuldigungen nur Halbherzigkeiten und müssen nicht ernst genommen werden.

Viele Pfarrer haben meinen Weg gekreuzt. Die meisten sind längst tot, einige leben noch. Die noch Lebenden finden keine Erwähnung in diesem Beitrag. Über die Toten gibt es viel zu berichten:

Da ist der Pfarrer, dem junge Männer vor den Füßen lagen, weil er durchaus eindrucksvoll und überzeugend gepredigt hat. Nur wegen ihm wurde aus manchem jungen Mann ein mehr oder weniger gestandener Diakon. Er strahlte eine solche Aura aus, die vielen jungen Menschen das Gefühl gaben: Er steht hinter dem Evangelium; er ist überzeugter Christ. Ihn beobachtete ich einmal, wie er wutentbrannt in die „Cola-Bar“ eines Jugendwohnheimes stürmte. Er kam wieder mit seinem Sohn am linken Ohr und seine Finger kniffen unentwegt in das Ohrläppchen hinein. Er zog seinen Sohn aus der Seitentür heraus, führte ihn am langen Heim vorbei hin zur Straße. Dort riss er ihn zum nächsten Haus, in dem er seine Wohnung hatte. Der Sohn schrie, sein Kopf lag zwangsweise permanent schief. Immer, wenn er gerade gehen wollte, riss dieser Pfarrer an dem Ohr des Jungen, so dass sein Kind den Kopf schräg halten musste. Dieser Anblick hat sich mir eingeprägt.

Während junge Männer ihm ehrfürchtig lauschten, wenn er predigte und wenn er unterrichtete, hatte seine Frau weniger Freude im Leben. Um jedes Kleidungsstück musste sie ringen, jeden Pfennig erbetteln. Die Einkäufe wurden penibel kontrolliert und wenn sie ein Kleidungsstück ohne seine Zustimmung kaufte, wurde sie - auch schon mal im Familienkreis und auch schon mal dann, wenn Gäste im Hause waren - gemaßregelt. Dementsprechend ärmlich gekleidet war die Frau, sogar, als ihr Mann schon längst gestorben war.

Einen anderen Pfarrer erwischte ich in einem Pornokino. Ich fuhr durch die Straßen, schaute hier und da in die Schaukästen, habe auch das Programm in den unterschiedlichsten Kinos studiert und kam dann zu einem Schaukasten, in dem neben scheinbar normalen Filmen scheinbar, den Fotos nach zu urteilen, auch diese Pornofilme angekündigt waren. Gedankenversunken sah ich in der sich spiegelnden Glasscheibe, wie ein Mann auf der anderen Straßenseite schräg hinter mir ausgerechnet dieses Kino betrat. Ich meinte, ihn an seinem Gang erkannt zu haben. Sofort wurde ich neugierig. Ich wartete eine Weile, fuhr dann auch zum Kino, durch die Eingangstür zur Kasse und bezahlte eine Eintrittskarte. Den Preis werde ich nicht vergessen: Die Karte kostete 12 Deutsche Mark; aber dafür bekam ich eine billige Schachtel Pralinen dazu. Ich wartete wiederum und bat die Verkäuferin, nicht viel Aufhebens zu machen, wenn ich ins Kino fahre; ich würde mich selbst zurechtfinden. Sie machte den Vorhang auf, ich fuhr leise in den Saal und wartete. Ich wartete, bis sich die Augen an das dunkle Licht gewöhnten und fixierte in der Zeit die Stuhlreihen. Da. In der Mitte des Ganges, links, da müsste er sitzen, der mir bekannte Pastor. Also pirschte ich mich langsam heran, tat, als ob ich ihn nicht sehe und stand auf einmal im Rollstuhl neben ihm. Ich spürte eine gewisse Unruhe linksseitig und schaute mich nach rechts und nach links zur Seite um und erschrak scheinbar. „Herr Pastor, Sie hier?“, raunte ich dem Bekannten zu. Im Dunkeln konnte ich sehen, dass er im Gesicht wohl rot anlief, weil seine Gesichtshaut sich verfärbte. Er druckste herum und sagte sinngemäß: „Man muss sich ja informieren, was die Leute heute alles so gucken, um überhaupt mitdiskutieren zu können.“ Ja, meinte ich, es wäre schon sehr wichtig, sich zu informieren. Ich gab ihm zu verstehen, dass dieses Filmformat für mich nicht geeignet ist und verabschiedete mich. So zog ich wieder von dannen und stellte mich an die Straßenkreuzung. Ich wollte wissen: Wie lange bleibt der Pastor in dem Kino. Ich stand also so, dass er mich nur hätte sehen können, wenn er aufmerksam nach links in die Hauptstraße geblickt hätte. Ich bezog Position vor einem Schaufenster und betrachtete die Auslagen. Nach ca. zwei Stunden kam der Pastor über die Kreuzung und ging wahrscheinlich Richtung Parkplatz. Von dem Tag an, so mein Gefühl, war der Pastor noch freundlicher, wenn er mich traf. Sein Sexualleben dürfte eigentlich ohne Mängel gewesen sein, denn er hinterließ eine große Schar Kinder.

Ein anderer Pfarrer war ein scheinbar gütiger, frommer und besonders hilfsbereiter Mensch. Schon in den frühen Morgenstunden gab er seiner Putzfrau Nachhilfeunterricht. Jedenfalls wurde sein Auto immer wieder vor dem Haus parkend gesichtet, in dem diese Putzfrau wohnte. Sie war Ausländerin, und so kann vermutet werden, dass sie Deutschunterricht vom Herrn Pastor persönlich erteilt bekam. Die Eingeweihten witzelten herum und philosophierten darüber, ob der Pfarrer mit der Putzfrau vielleicht den Psalm 23 einübt. Dieser Psalm heißt: Der Herr ist mein Hirte. Und irgendwo folgt auch die Zeile, in der es heißt: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich.“ http://www.die-bibel.de/online-bibeln/luther-bibel-1984/bibeltext/bibelstelle/ps%2023/

Hatte der Herr Pfarrer ausgerechnet diese Passage wörtlich genommen? War das sein Trost? Was immer auch gefrotzelt wurde, - auch dieser Pfarrer wurde mit vielen Kindern gesegnet.

Und dann ist da noch der eine Pfarrer, der unter Wahnvorstellungen litt. Er versetzte seine Sekretärin in Angst und Schrecken, indem er ihr permanent unterstellte, dass sie hinter seinem Rücken Böses über ihn erzähle, ständig über ihn herziehe. Was zwar nicht stimmte; allerdings hätte die Sekretärin reichlich Gründe dazu gehabt, denn er leierte viele Projekte an, führte aber nicht ein einziges selbstständig durch. Nach einer gewissen Zeit verließ ihn die Lust an diesem Projekt, und er übertrug die anfallenden Arbeiten einfach auf seine Sekretärin. Sie musste fortan Aufgaben erledigen, für die sie gar nicht ausgebildet war.

Unvergessen ist auch der Pfarrer, der als Altenheimseelsorger tätig war. Er sollte alte und behinderte Frauen besuchen, sie trösten, vielleicht auch segnen, sie auf alle Fälle in ihrer Einsamkeit nicht allein lassen und gelegentlich bei ihnen sein. Er legte seine Hände allerdings weniger auf den Kopf der Frauen, als auf den Genitalbereich. Grob formuliert: Er befummelte sie zwischen den Beinen. Eines Tages flogen seine Schweinereien auf, denn er wurde in flagranti ertappt. Eine Mitarbeiterin trat aus dem Kleiderschrank heraus und sagte: „Herr Pastor, was machen Sie denn da?“ Damit war seine Laufbahn in diesem Altenheim beendet. Dem Vernehmen nach wurde er aber in einer anderen Einrichtung erneut beschäftigt.

Sehr glaubhaft berichtet wurde mir von einem weiteren Pfarrer. Der kannte eine junge Diakonische Helferin. Und als dieser Pfarrer pensioniert wurde und diese Helferin schon lange keine Diakonische Helferin in dem Heim mehr war, zog sie irgendwann um. Sie nahm sich eine Wohnung in einem Mietshaus. Verwundert war sie, als dieser ihr bekannter Pastor im gleichen Haus eine Wohnung mietete. Sie erzählte Jahrzehnte später, dass dieser Pfarrer oft, wenn sie im Keller war, ihr folgte und versuchte, sie zu belästigen. Und dies auch noch, als sie schwanger war.

Und dann gibt es noch Pfarrer, die meinen Weg in den letzten 20 Jahren gekreuzt haben. So der Gemeindepfarrer, der 12 Jahre nicht zur Kenntnis nehmen wollte, dass ein Behinderter in seine Gemeinde gezogen ist. Erst, als dieser Behinderte einmal einen Artikel schrieb, in dem er mitteilte, dass Jesus kein Büro unterhielt, an dem ein Schild mit Sprechstundenzeiten hing, sondern dass er getreu dem Sendungsbefehl „Gehet hin in alle Welt ...“ zu den Mühseligen und Beladenen ging, bequemte er sich zu einem Besuch. Das war ein –wie die Kodderschnauze es ausdrücken würde – „5-Minuten-Quickie“. Fortan war er nicht mehr gesehen. Doch, einmal noch. Ich lag im Krankenhaus. Eines Tages wurde die Tür aufgerissen, ein Mann streckte seinen Kopf durch den Türspalt, dieser blickte nach rechts und nach links und verschwand wieder. Tür zu. Nach wenigen Sekunden wurde die Tür erneut aufgerissen, der vom Vorbesuch bekannte Kopf, erschien wieder im Türrahmen und fixierte mich scharf. Er muss mich jetzt erkannt haben. Dann schmiss der Herr Pfarrer die Tür wieder zu und das war wirklich seine letzte Begegnung mit mir.

Das ist der zweite Gemeindepfarrer. Er wurde angeschrieben und auf die Gräueltaten in seiner Nachbargemeinde aufmerksam gemacht. Man bat ihn, dafür mit seinen Amtsbrüdern in der benachbarten Anstalt auf die Notwendigkeit einer Opferentschädigung zu pochen. Tat er wohl nicht, dafür schickte er einen Brief mit Formeln des Bedauerns. Allerdings hat dieser Brief den Heimopfern nicht ein bisschen geholfen.

Ich kenne nur einen Pfarrer, und das auch nur durch Internet und inzwischen langjährigen E-Mail-Kontakten, der sich für die Belange ehemaliger Heimkinder bei seiner Kirche unbeliebt macht, mit ihr aneckt und sie immer wieder auf ihr Versagen hinweist.

Und was ist mit den Pfarrern, die ich nur aus der Presse, aus Radio-, TV- und Internetbeiträgen kenne? Das sind Pfarrer, die permanent in der Öffentlichkeit stehen und aus diesem Grund mit Namen genannt werden dürfen.

Das ist als erste die Pastorin Antje Vollmer, Politikerin, Grüne-Abgeordnete. Über sie schreibt der evangelische Pfarrer i.R. Dierk Schäfer aus Bad Boll:

„Warum ist der Internationale Strafgerichtshof Den Haag wichtig für die ehemaligen Heimkinder?

Er ist die wohl letzte Möglichkeit, Recht zu bekommen – Gerechtigkeit geht ohnehin nicht bei diesen Schäden an Leib, Seele und Lebenschancen.

In Deutschland aber gibt es dafür nicht einmal Recht. Erklärtermaßen haben die ehemaligen Heimkinder keinen Rechtsanspruch auf irgendwelche Leistungen. Sie erhalten ein paar Hilfen (in Höhe von maximal 10.000,00 €) in ihren schwierigen Lebenslagen, soweit diese auf den Heimaufenthalt zurückgeführt werden können – und dies oft unter demütigenden, teilweise retraumatisierenden Umständen. Das gibt es aber ausschließlich für die Ehemaligen aus Erziehungsheimen. Wer in Säuglings- oder Behindertenheimen war oder gar in psychiatrischen Einrichtungen, erhält bisher nichts, in Zahlen: 0,00 €.

Die ehemaligen Heimkinder aus den Erziehungsheimen bekommen auch keine realistischen Ersatzzahlungen für nicht gezahlte Löhne und Sozialabgaben, sondern eine Pauschalzahlung für Rentenausfälle nach Arbeitsjahren bemessen, soweit sie damals älter als vierzehn Jahre waren. Darunter wäre es Kinderarbeit gewesen, doch die gab es nicht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf – gab’s aber doch.

All dies hat ein Interessenverbund von Kirchen und Staat in die Wege geleitet, den ich nur als kriminelle Vereinigung ansehen kann. Ob sie dabei die Feder geführt hat, weiß ich nicht. Doch Frau Vollmer war zumindest eine willige Helferin des Komplotts gegen die ehemaligen Heimkinder. Dafür wird sie mit Ehrungen überhäuft[2].

Jutta Dittfurt nennt Antje Vollmer »eine der intrigantesten Scheinheiligen, die ich kennengelernt habe«[3]

Ich habe dem nichts hinzuzufügen.“ Alle weiterführenden Links hier:

http://dierkschaefer.wordpress.com/2014/10/20/heimkinder-in-den-haag/

Und dann gibt es da noch Nikolaus Schneider und den ehemaligen Diakonie-Präsidenten Johannes Stockmeyer. Unvergessen das Foto in Zeitungen und Internet: Ein schwächliches Heimopfer wird von den beiden Herren eingerahmt. Ihre Blicke sind gütig und barmherzig auf sie gerichtet. Diese Geste sollte symbolisieren: Wir fühlen mit Dir, wir verstehen Dein Leid, Dein Kummer und wir werden Dir helfen. Geholfen haben sie nicht. Sie haben sich unter dem „Runden Tisch Heimerziehung“ verschanzt und alle Versuche abgeblockt, eine echte Entschädigung zu fordern und umzusetzen. Unter viel öffentlichem Druck haben sie sich endlich dazu bereit erklärt, den Opfern sexuellen Missbrauches aus eigener Schatulle ein kleines Schweigegeld zu zahlen. Zuvor müssen diese aber einen Fragebogen ausfüllen, wobei z.B. aufgefordert wird: Schildern Sie den Tathergang. Die Kirchenvertreter wissen zu genau, dass ihre Opfer retraumatisiert werden können, wenn sie en détail schildern müssen, in welcher Form, wann und wo ihnen sexuelle Gewalt zugefügt wurde. Ich habe für ein Missbrauchsopfer dieses Verfahren stellvertretend durchgeführt und für sie diesen Missbrauch geschildert. Die Anlaufstelle war nicht bereit, dies zu akzeptieren. Sie forderte, dass das Opfer den Original-Fragebogen ausfüllt. So musste ich dem Opfer empfehlen, auf diese paar Euro Schweigegeld zu verzichten.

http://helmutjacob.over-blog.de/article-erst-strippen-sonst-kein-geld-bitte-schildern-sie-die-umstande-und-den-hergang-der-missbrauchstat-122476695.html

http://helmutjacob.over-blog.de/article-die-holle-eines-kleinen-madchens-will-evangelische-kirche-opferantrage-verhindern-123029235.html

Je länger ich nachdenke, desto mehr frage ich mich: Gibt es auch noch die moralisch „guten“ Pfarrer? Ehemalige Diakone fallen mir ein. Einer davon ist mein Taufpate. Und echte Pfarrer? Da fällt mir nur einer ein, aber der will mit Namen sicher nicht genannt werden.

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